Gesundheit : Öko-Uni: Die schmutzige Wissenschaft

Martin Kiesler

Wissenschaft muss nicht immer sauber sein: Müllhaufen in Foyers und Hörsälen lassen daran zweifeln, dass die Hochschulen ihre Verantwortung für den Umweltschutz ernst genug nehmen. Wer in der Cafeteria des TU-Hauptgebäudes einen Tee trinken möchte, hat die Wahl zwischen jeder denkbaren Art von Kunststoffbecher. Dazu gereicht werden Stummellöffelchen aus Plastik. Die Pächterin der Caféteria würde gerne auf Mehrweggeschirr umstellen. Doch dazu müsste eine Spülküche eingebaut werden. Für die hat die TU kein Geld. Wie sie das Umweltverhalten der Studierenden beurteilt? Die ansonsten freundliche Frau beschreibt es mit einem einzigen Wort, das hier nicht wiederholt werden kann.

Überforderung am Mülleimer

Die zahlreichen Abfallbehälter, die um die klobigen Betonpfeiler des TU-Hauptgebäudes herum gruppiert sind, offenbaren das Dilemma. Mit wissenschaftlicher Akribie - und in mikroskopisch kleiner Schrift - erklären farbige Schilder, welche Müllsorten in die verschiedenen Behälter gehören. Ein Blick in die Höllenschlünder zeigt indes das erstaunliche Maß friedlicher Koexistenz all jener Dinge, die eigentlich sauber getrennt sein sollten. Thomas Albrecht ist Umweltschutzbeauftragter der TU. Er gibt zu, dass die Mülltrennung in den öffentlichen Bereichen nicht gut funktioniert. Es sei jedoch wichtiger, dass in den Büros und Labors umweltbewusst gehandelt wird, weil dort der Grossteil des Mülls anfalle.

Das soll durch die Zertifizierung von Instituten nach der EU-Öko-Audit-Verordnung erreicht werden. Damit geht die TU einen Weg, der ursprünglich nur für die Wirtschaft gedacht war. Im Rahmen der laufenden Universitäts-Strukturreform soll auch der Umweltschutz zum Gegenstand von Zielvereinbarungen und Budgetzuweisungen werden. Das Öko-Audit sieht vor, dass die Umweltsituation an Instituten ständig überprüft und verbessert wird. Die Umweltprüfung am Max-Volmer-Institut für Biophysikalische Chemie und Biochemie, das als erstes zertifiziert wurde, hat unter anderem Mängel im internen Informationsfluss und Einsparpotenziale durch die Erneuerung von Altgeräten offengelegt.

Doch Neuanschaffungen scheitern häufig an leeren Kassen. FU und HU gehen daher sogenannte Energiesparpartnerschaften ein: Fremdinvestoren ermitteln Einsparpotenziale und verpflichten sich, diese durch den Einbau neuer Gebäudetechnik zu erbringen. Im Gegenzug werden sie an den Einsparungen beteiligt. Besonders erfolgreich ist die FU mit diesem Modell. Die zunächst prognostizierten Einsparungen von Strom- und Heizenergie konnten in einigen Gebäuden deutlich übertroffen werden. In der Physik etwa sanken Energiekosten im ersten Jahr um knapp 500 000 Mark, rund ein Viertel der Gesamtsumme. Die Humboldt-Universität ist die einzige Berliner Uni, die ein aktives studentisches Öko-Referat hat. Oliver Stoll, der dort aktiv ist, verweist auf Projekte, wie eine Food-Coop, eine Fahrradwerkstatt und die Autofreien Hochschultage, die seit Jahren durchgeführt werden. Dass es seit 1996 Öko-Gerichte in Berliner Mensen gibt, geht ebenfalls auf eine Initiative zurück, an der das Öko-Referat beteiligt war.

Studierende sind zwar häufig ehrenamtlich engagiert. Probleme gibt es allerdings bei der Einbeziehung des Umweltschutzes in die offizielle Lehre. Thomas Albrecht, der im Auftrag des TU-Präsidenten Möglichkeiten der Parkraumbewirtschaftung prüfen soll, sucht Studierende, die an einem Verkehrskonzept für die TU mitarbeiten. Zwar leistet sich die Uni einen Studiengang "Planung und Betrieb im Verkehrswesen". Da kein Professor einen Schein für dieses Praxisprojekt ausstellen will, ist das studentische Interesse indes gering. Gut eingebunden in den offiziellen Lehrbetrieb sind dagegen die weitgehend studentisch selbstbestimmten Projektwerkstätten. Solar- und Pflanzenkläranlagen oder etwa Lehmbauten werden hier geplant und gebaut. Die Universitäten haben jedoch erkannt, dass Umweltschutz nicht zuletzt eine Imagefrage ist. Als Projektziele des TU Öko-Audits sind die Stärkung der Corporate Identity und ein Imagegewinn ausdrücklich benannt. Das führt mitunter zu einer eigenwilligen Öffentlichkeitsarbeit.

Wohin mit dem Kernreaktor?

Während die Ergebnisse der ersten Umweltprüfung im Max-Volmer-Institut in allen überraschenden Nuancen im Internet verbreitet werden ("Papierverbrauch: Unter den Büromaterialien ist dies der bedeutendste Posten"), verliert die TU kaum ein Wort über ihr wohl kniffligstes Umweltproblem: die Entsorgung eines bereits stillgelegten kleinen Kernreaktors. Das mehrere Jahrzehnte alte Gerät, das nur den Bruchteil der Leistung einer Energiesparlampe lieferte, müsste gemäß den atomrechtlichen Bestimmungen entsorgt werden. Da es dafür zurzeit keine Lösung gibt, verbleibt es am alten Standort, wo es überwacht werden muss und kostbare Fläche blockiert.

Ein Beispiel dafür, dass Umweltschutz nicht nur als betriebliche Aufgabe oder als Gegenstand von Drittmittelforschung gesehen wird, ist die Kooperations- und Beratungsstelle für Umweltfragen (Kubus) der TU. Sie ist Ansprechpartnerin für Bürgerinitiativen, kommunale Einrichtungen oder Kleinbetriebe, die wissenschaftliche Unterstützung in Umweltfragen suchen. So wurde etwa in Zusammenarbeit mit der Friseurinnung ein Modellsalon eingerichtet, in dem der für das Gewerbe typische Wasser- und Stromverbrauch reduziert werden konnte. Kubus vermittelt Kontakte zu TU-Instituten, beantragt Forschungsmittel und koordiniert die Beteiligten. Eine Diplomarbeitenbörse ermöglicht es Studierenden, gezielt umweltrelevante Themen zu bearbeiten.

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