Gesundheit : Ökosystem Ostsee: Noch nicht alles klar, aber vieles geklärt

Jacob Lemke

Das chronisch kranke Ökosystem Ostsee hat sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion etwas erholt. Inzwischen sind in den 1991 unabhängig gewordenen baltischen Staaten nach Angaben der Umweltministerien mehr als 2000 neue Kläranlagen aller Größen gebaut worden. Vorher lief das Abwasser aus Estland, Lettland und Litauen im Regelfall als ungefilterte Dreckbrühe ins Baltische Meer.

Nach Ergebnissen einer Studie der Helsinki-Kommission zum Schutz der Meeresumwelt (Helcom), die im Sommer veröffentlicht wird, kommen Ostseefische heute wesentlich unbelasteter auf die Verbrauchertische. Blei- und Quecksilberkonzentrationen sind in den letzten zehn Jahren um rund 40 Prozent zurückgegangen. Insektizide und Dioxine sind sogar um 90 Prozent rückläufig. "Die Seeadlerpopulation hat sich dadurch erholt und bei den Robbenbeständen sehen wir eine positive Entwicklung", sagt Günther Nausch vom Warnemünder Institut für Ostseeforschung.

Auch die Phosphatwerte seien deutlich rückläufig, mittlerweile könne an nahezu der gesamten Ostseeküste von guter bis hervorragender Wasser- und damit Badequalität gesprochen werden, sagt Nausch. Die Experten sind sich einig: Ein wichtiger Grund für diese guten Nachrichten ist die verbesserte Zuflussbilanz der baltischen Staaten. Deren Einleitungen hatten früher enorme Auswirkungen, weil im kleinen Binnenmeer Ostsee Schadstoffe wesentlich weniger verdünnt werden können als in Meeren mit großem Wasseraustausch.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs konnten westliches Geld und Fachwissen in die Abwasserreinigung osteuropäischer Sorgenkinder gepumpt werden. Vorher war man sich von Helsinki bis Kopenhagen und Lübeck auch schon einig, dass im Interesse der Umwelt allgemein, der Touristen sowie der Fischerei im Besonderen die Schadstoffzufuhr in die Ostsee drastisch gesenkt werden musste. Ohne eine Reduzierung der Emissionen aus den nordöstlichen Anrainerländern aber mussten alle Anstrengungen letztlich erfolglos bleiben.

Also steckten die westeuropäischen Anrainerstaaten nach 1991 hunderte von Millionen Mark in neue Kläranlagen für die baltischen Reformstaaten. Schätzungsweise etwa ein Drittel der Kosten für neue Kläranlagen wurden von westlichen Ländern getragen, erklärt Egon Tiht, Wasserexperte im estnischen Umweltministerium. Ein weiteres Drittel komme aus dem Staatsbudget und der dritte Teil werde mit zinsgünstigen Krediten finanziert. Auch in Litauen und Lettland baut man mit westlicher Hilfe. Insbesondere die skandinavischen Staaten haben sich dabei mit ihren staatlichen Umweltorganisationen hervorgetan. Die Gesamtsumme der Investitionen beträgt weit mehr als eine Milliarde Mark, schätzt das Baltische Umweltforum, eine dort arbeitende Expertenkommission.

Insgesamt gehen seit 1995 im Baltikum mehr als zwei Drittel der Investitionen im Umweltbereich in die Wasseraufbereitung. Wie es in einem aktuellen Bericht des Umweltforums weiter heißt, erreiche die Wasserqualität in den von Menschen genutzten Flüssen bereits nahezu die Werte der naturbelassenen Gewässer.

Estland behandelt heute schon 45 Prozent seiner Abwässer in drei Reinigungsstufen. Hierbei werden mittels biologischer oder chemischer Methoden auch Nitrate und Phosphate aus dem Abwasser herausgeholt. Allerdings liegen die Standards der Europäischen Union (EU) noch höher. Deshalb mussten Estland wie auch seine baltischen Nachbarländer in den Beitrittsverhandlungen mit der EU um Übergangsfristen im Umweltbereich bitten.

Bis 2015 könne es noch dauern, bis in Litauen, Lettland und Estland der Bau neuer Kläranlagen abgeschlossen ist, heißt es aus den Umweltministerien. Doch solange in den russischen Gebieten bei Kaliningrad und Sankt Petersburg Wasser weiter als Nebensache gilt, behält im Ostseerat, dem Zusammenschluss der Ostseeanrainer, der Bereich Umwelt in der Europäischen Union höchste Priorität. Wohl deshalb mögen die Ostsee-Experten noch nicht von Entwarnung sprechen.

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