Gesundheit : Ökumene: Geheimakte CA7

Thomas Lackmann

An diesem Abend geht es auf dem Podium am Gendarmenmarkt um eine Geheimwissenschaft, die in Berlin immer noch genügend Anhänger hat, den Französischen Dom zu füllen. Die Männer auf dem Podium reden von "CA7", vom "Leib Christi", mit der "Braut Christi" nicht zu verwechseln, und von einem Knackpunkt namens "apostolische Sukzession". Manchmal ernten sie dafür Applaus. Kameras des Senders "Phönix" übertragen ihr so genanntes Streitgespräch. Die Männer sind lieb zueinander und necken sich. Drei von ihnen sind Bischöfe. Ihre Geheimwissenschaft heißt "Ökumene" und handelt, dem griechischen Wortsinn nach, von den Bewohnern des einen Hauses, oder - übertragen angewendet - des Erdkreises. Trotzdem ist keineswegs Globalisierung ihr Thema, sondern die Verständigung der Christen untereinander: ein Anliegen, das der Bevölkerungsmehrheit noch kryptischer erscheinen mag als die Öko-Steuer. Dass die Medien-Aufmerksamkeit für das Podium dennoch groß ist, bewirkt ein Mann in Rom, der an diesem Abend abwesend am Pranger steht, aber auch in Schutz genommen wird: Kardinal Ratzinger.

Vier Wochen zuvor hatte der Chef der Glaubenskongregation ein 33-Seiten-Papier veröffentlicht, welches zur Feier des Heiligen Jahres "die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche" derart darlegte, dass Fachleute stöhnten und viele Laien eisige Zeiten zwischen den Konfessionen befürchteten. Dabei sagt diese Erklärung "Dominus Iesus" über den ziemlich absoluten Wahrheitsanspruch des Christentums und das ziemlich starke Selbstverständnis der Katholischen Kirche nichts wirklich Neues. Dass sie dem postmodernen Kuschelgefühl von der komplementären Austauschbarkeit aller Erkenntnisse ungebrochen das Uniqueness-Konzept des eigenen Credos gegenüberstellt, sollte gewiss provozieren. Dass darin freilich andere Religionen und nichtkatholische Christen unisono angesprochen werden, als gebe es zwischen Christen-Ökumene und übriger Menschheit auf dem Globalisierungs-Pfad der Fusionen qualitativ-theologisch kaum Unterschiede, muss befremden. Schließlich hatte einst der Star-Theologe Ratzinger, als er vor 40 Jahren das bahnbrechende II. Vatikanische Konzil mitprägte, selbst die umgekehrte Haltung eingenommen - das Gemeinsame mit den "getrennten Brüdern" betont statt der Differenz. Die aktuellen Irritationen suchte der Glaubenshüter zu klären, in einem zweiseitigen "FAZ"-Gespräch; der Papst derweil tröstete mit guten Worten die verletzten Ökumeniker, was Wunschdenker schon als Zeichen für den Sturz des Kardinals deuten wollten.

Es geht aber nicht um Personen, den Kardinal oder den Papst! sagt auf dem Podium des Französischen Doms Eberhard Jüngel aus Tübingen. Der evangelische Dogmatiker hatte vorab Ratzingers konservative Kirchen-Definition attackiert, die den Protestanten nur "Elemente" des eigentlichen Kirche-Seins zugesteht. Jetzt fragt er nach dem Machtkampf hinter Kurien-Kulissen: An wem die Einwände der Ökumeniker vom Einheitssekretariat abgeprallt seien, sodass man nun den verunglückten Text im Grunde "Domina Ecclesia" betiteln müsse? Jüngels Heidelberger Kollege Christoph Markschies sieht die eigene ökumenische Skepsis bestätigt: Zu lange seien kritische Punkte ausgeklammert worden, so Roms Forderung nach lückenloser Weihekontinuität - von den Aposteln bis zu den Bischöfen von heute - als Kriterium des Kirche-Seins. "Uns fehlt nichts als evangelische Kirche!" ruft der Kirchenhistoriker. Berlins evangelischer Bischof Wolfgang Huber sekundiert: Vor einem Jahr noch habe man das Konsens-Papier zur einstmals trennenden "Rechtfertigungslehre" unterzeichnet, das sei nur auf partnerschaftlicher Basis möglich gewesen! Der ökumenische Kirchentag 2003 müsse von diesen Zwistigkeiten unbedingt frei bleiben. "Apostolische Sukzession" sei nicht an Ämter gebunden. Dass die Kirche ihr spirituelles Erbgut kaum per Handauflegung tradiere und sichere, bekräftigt auch Professor Jüngel und zitiert den Artikel 7 der lutherischen Bekenntnisschrift "Confessio Augustana": Die Kirche bestehe, wo Gottes Wort und Sakrament rechtmäßig "gereicht" würden. Nicht Bischöfe seien die Nachfolger der Apostel-Autorität, sondern der Kanon biblischer Schriften.

Die Katholiken auf dem Podium verharren souverän defensiv. Berlins Erzbischof Georg Sterzinzky hofft, durch "Dominus Iesus" erkenne die ökumenische Basis die "Notwendigkeit des theologischen Dialogs". Als Jüngel "CA7" zitiert, fragt er: "Was heißt rechtmäßig?" Aber weder der Theologen-Disput kommt in Gang, noch wird die Kluft zwischen den Abstraktionen der Fachleute und den von Robert Leicht, dem Präsidenten der Evangelischen Akademie artikulierten konkreten Gemeinde-Bedürfnissen überbrückt. Der Journalist Edo Reents jedoch bricht eine Lanze für Ratzinger: Ein geschlossener Lebensentwurf, wie ihn "Dominus Iesus" biete, sei heute kaum mehr möglich und trotzdem wolle man darauf nicht verzichten ...

Der katholischen Seite auf dem Podium fehlt ein theologisches Kaliber à la Jüngel. Erfurts Bischof Joachim Wanke allerdings vermag konziliant zu kontern: Wenn es um die "Wahrheit" gehe, müsse man wissen, wo der andere steht. Wenn man über "Gültigkeit" des Amtes rede: Was sei denn in den Jahrhunderten zwischen der Apostelzeit und der Festlegung des Kanons die Kontinuitätsstruktur der Kirche gewesen? Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen weist darauf hin, dass man im Konzil vor 40 Jahren eher die Ortskirche, in den letzten Jahren aber verstärkt die Universalkirche betont habe: Das werde sich also schon wieder auspendeln.

Schade, dass an diesem Abend kein Übersetzer solche Themen ins Säkulare vermittelt. Oder hat der Konflikt "Orts- gegen Universalkirche" nichts mit dem Komplex Globalisierung zu tun? Und steht nicht auch die Gesellschaft der virtuellen Öffentlichkeit vor der Frage, welche Traditionsstruktur garantieren wird, dass sie ihre Kern-Überlieferung nicht verliert? Nach der Veranstaltung stehen Berlins ergraute Ökumeniker unter Bäumen des Gendarmenmarktes und diskutieren Trennungserfahrung an der Basis. Geheimwissen Ökumene: eine Leidenschaft.

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