Gesundheit : Oh je, meine Säuglingsschwester

Hier ist die Erzählung des Siegers William Warnstedt: Ein Taxifahrer rollt zurück zu seiner Geburt

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Es ist Sommer, und ich steh mit meinem Taxi am Bahnhof Zoo, schon ein ganzes Weilchen, aber jetzt bin ich der Erste. Ich schaue zu, wie zwei alte Damen aus der Bahnhofshalle hinaustreten. Sie bleiben stehen, setzen ihre Koffer ab, blicken sich um, blicken nicht durch, und ich weiß: Das sind meine Fahrgäste. Ich also raus aus dem Wagen, öffne den Kofferraum und geh’ auf sie zu. Die Beiden sehen aufgeräumt aus, tragen altmodische Kostüme, eine ist groß und dürr und, wie es scheint, rüstiger als die andere, die kleiner ist, aber ebenfalls ganz filigran. Sie haben sich gerade wieder in Bewegung gesetzt, da bin ich bei ihnen. „Ich bin Ihr Taxifahrer, guten Tag.“ „Ach, wunderbar, na, das ist aber schön, woher wussten Sie denn?“ Zwei muntere alte Gesichter mit wachen Augen lächeln mich an.

Koffer rein, Klappe zu, wir sitzen im Taxi. Die Größere, resoluter aussehend und mit schneeweißen Haaren, sagt: „Fahren Sie uns bitte nach Wilmersdorf in die Württembergische Straße!“ Na schön, denke ich, das ist ja nun keine große Reise, aber gut, so ist das eben, ich beschließe mich nicht zu ärgern, und im übrigen ist die Württembergische meine erste Adresse in Berlin, mit anderen Worten, dort wohnten meine Eltern, als sie jung waren, mit mir als Säugling.

Also, los geht’s. An der nächsten Ampel betrachte ich meine Fahrgäste im Rückspiegel. Die resolute Dame war anscheinend irgendwann schon mal in Berlin, kennt sich aus und kommentiert. Sie sitzt in der Mitte der Rückbank, sendet Blicke in alle Richtungen. „Und schau mal“, ruft sie, als wir weiterfahren, „das ist der Ku’damm.“ Ihre Begleiterin, die zwischen ihr und der Tür ein wenig eingeengt ist, blickt gehorsam rechts aus dem Fenster. Hier muss ich mich einschalten, denn es ist die Kantstraße, die wir überqueren, und ich mache die Dame darauf aufmerksam. „Aber wir sind doch hier in der Joachimstaler Straße?“ „Ja natürlich, da vorn ist ja schon das Kanzler Eck.“ Nach einer kleinen Pause fragt sie: „Sagen Sie mal, gibt es denn das Krankenhaus noch?“ Ich stutze. Welches Krankenhaus meinte sie wohl, ach so, klar – das Krankenhaus. Ich sage: „Sie meinen bestimmt die Westklinik, nein die gibt’s nicht mehr. Aber Sie werden lachen“ – nun mache ich eine kleine Pause – soll ich oder soll ich nicht, geht’s mir durch den Sinn – „Sie werden lachen, da bin ich geboren.“ „Ach“, sagt da die Ältere schnell und beugt sich ein wenig vor, „wann denn?“ Ich zögere, denke, oh nee, wenn das so weiter geht, erzähl ich ihr gleich mein ganzes Leben, laut sage ich „1947, im Juli“. Jetzt kommt Leben in mein Taxi. Der Rückspiegel verdunkelt sich, denn sie schnellt nach vorn. „Nein!“, schreit sie laut und begeistert mit Juchhu und Hurra: „Dann hab ich Sie gebadet, gewindelt und gewickelt, ich war nämlich Säuglingsschwester von ’47 bis ’49 in der Westklinik.“ Ach du liebes bisschen, meine Säuglingsschwester, denke ich. „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, schreie ich nun auch und dreh’ mich kurz um. Wir blicken uns schnell und tief in die Augen, wir sind uns für einen Augenblick ganz nah. Um den Hals fallen können wir uns nicht, denn wir sind in Fahrt und zwar ziemlich genau auf Höhe der alten Klinik, aber dafür kneift sie mich immerzu in den rechten Oberarm. Ich halte einen Moment an, und nun können wir uns ausgiebig betrachten und vor Verwunderung die Köpfe schütteln. Mit einem schönen Druck geben wir uns beide die Hand, meine Säuglingsschwester und ich. Ihre Begleiterin macht auch mit, sie zwinkert ganz doll und steuert kleine schnalzende Laute der Überraschung und des Unglaubens bei.

Oh Mann, denke ich, eben noch ganz fremd und nun so nah. Mir wird es nämlich gerade ein bisschen zu viel, ich kenne das von mir, ich fange an zu witzeln und sage: „Also, ich glaube nicht, dass ich Sie wiedererkannt hätte.“ Sie ruft aus: „ Das macht doch nichts, wir haben uns ja gefunden.“ Bei der Weiterfahrt muss ich nun doch mein Leben erzählen, und ich tue es gern, aber ich bin noch keine 20, da sind wir am Fahrziel angelangt. Schon heißt es Abschied nehmen. Und gleich ist es wieder ein bisschen fremd. Ich stelle den Damen die Koffer vor die Haustür, wir schütteln uns ein letztes Mal lächelnd die Hände, aber irgendwie geht es für mich plötzlich zu schnell. Man müsste doch eigentlich feiern oder wenigstens zusammen Kaffee trinken. Doch für die alten Damen scheint es keine offenen Fragen zu geben, sie winken mir vergnügt von der Haustreppe zu. Dann sind die weg. Ich sitze in meinem Auto und und schau’ mir durch mein Schiebedach die Fassade an und dann die Fassade zwei Häuser weiter. Dort hab ich einmal gewohnt, vor langer Zeit, ganz am Anfang.

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