Gesundheit : Ohne den Kasper zu machen

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„Für die algebraische Lösung unseres Problems brauchen wir das totale Differential - wie lautet das?" Justine Röhmel, Diplom-Volkswirtin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Berlin, blickt in die ratlosen Gesichter der etwa 100 Studenten, die ihre Lehrveranstaltung besuchen. „Das solltet ihr beherrschen, das braucht ihr immer wieder!", ruft die kleine Frau nachdrücklich und schreibt den gesuchten mathematischen Ansatz energisch an die Tafel. Nur selten weicht Justine Röhmel in ihrer Übung vom Lehrstoff ab. Sie ist nicht der Typ, der mit Witzchen und Anekdoten den Unterricht auflockert. Trotzdem ist sie eine von drei Dozenten des Fachbereichs, die dieses Semester von den Studierenden mit dem Lehrpreis 2002 ausgezeichnet wurden. Im Internet konnten die Studenten im Juni zwei Wochen lang den ihrer Meinung nach besten Hochschullehrer des Fachbereichs vorschlagen. Nominiert wurde in den Kategorien „Professor" und/oder „lehrender Nachwuchs". Ihre Wahl sollten die Studenten frei und detailliert begründen. Insgesamt gingen 291 Vorschläge ein.

Auch Thorsten Thadewald, der Sprecher der Ausbildungskommission, die den Lehrpreis organisierte, wurde von einer studentischen Jury aus dem Kreis der Nominierten für den Lehrpreis ausgewählt. Er lehrt, ebenso wie der dritte Preisträger, Professor Herbert Büning, das Fach Statistik, das sich bei den Studenten sonst nicht gerade größter Beliebtheit erfreut. Anders als seine Kollegin Justine Röhmel gibt Thadewald durchaus gerne mal den Entertainer, wenn er vor den Studenten steht. „Ich versuche, meine Veranstaltung mit Humor anzureichern, ohne dabei den Kasper zu machen", beschreibt er seinen Unterrichtsstil. Engagement und Interesse für studentische Belange sind nach Auffassung von Thadewald die wichtigsten Eigenschaften eines erfolgreichen Hochschullehrers. Die Ergebnisse der Lehrpreis-Nominierungen hält er für sehr viel aufschlussreicher als standardisierte Erhebungen per Fragebogen, wie sie ansonsten jedes Semester am Fachbereich durchgeführt werden. Wenn in jeder Vorlesung ein Bewertungsbogen ausgeteilt würde, so Thadewald, seien die Studenten oft genervt und würden ihre Kreuzchen wahllos setzen oder das Papier erst gar nicht ausfüllen.

Trotz der guten Bewertungen, die manche Dozenten bei der Lehrpreis-Nominierung erhielten, ist bei den Wirtschaftswissenschaftlern der FU nicht alles eitel Sonnenschein. Das lässt sich aus den Ergebnissen des „Studienbarometers" schließen. In dieser Umfrage, die an der FU mit großem Aufwand in allen Fächern betrieben wurde, sollte die Zufriedenheit der Studierenden mit den Leistungen der Lehrenden ermittelt werden. Parallel dazu wurden auch die Dozenten um Selbsteinschätzungen ihrer Situation gebeten. Tatsächlich ist in den Wirtschaftswissenschaften eine deutliche Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbsteinschätzungen der Lehrleistungen zu Tage getreten. Während sich die Lehrenden fast durchgehend selbst beste Ergebnisse attestierten, fiel das Urteil der Studierenden kritischer aus. So wurde nur die Lehr- und Studienorganisation des Grundstudiums von BWL und VWL positiv bewertet. Das Hauptstudium erhielt eher schlechte Noten. Das galt auch für die Klarheit der Prüfungs- und Studienanforderungen. Mittelmäßig bis schlecht bewertet wurden die Merkmale „Erreichbarkeit der Lehrenden" sowie „Beratung" und „Feedback" durch die Hochschullehrer und „Kontakt zwischen Studenten und Dozenten".

Aber kann die Lehrsituation durch Motivation der Dozenten verbessert werden? Und vor allem: Kann ein Lehrpreis eine solche Motivation bewirken? Gemäß Thadewald haben einige Kolleginnen und Kollegen, die diesmal nicht für den Lehrpreis nominiert wurden, tatsächlich bereits gemeinsam beratschlagt, wie sie ihre Kurse attraktiver gestalten können. Andere wiederum seien ganz froh darüber, nicht vorgeschlagen worden zu sein, weil sie sonst mit einem größeren Andrang in ihren Seminaren rechnen müssten, und das bedeute eben auch mehr Arbeit. Franziska Garbe

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