Gesundheit : Ohne Voodoo und Trommeltanz: Das Seminar für Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität

Tom Heithoff

Klischees blühen überall. Auf dem Boden der Afrikawissenschaftler blühen sie besonders bunt und fantasiereich: Studenten, die vom Trommeltanz betäubt durch die Gänge schweben, Voodoozauber in den Augen und geheimnisvolle Duftsubstanzen im Haar. Nichts von alledem stimmt, wenngleich auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen mögen. Die Klischees sitzen jedoch tief. Eine Studentin sagt: "Ich habe fast das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muss, wenn ich sage, dass ich Afrikawissenschaften studiere." Und auch Flora Veit-Wild, Professorin für Afrikanische Literaturen und Kulturen, macht immer wieder die Erfahrung, dass sie mit ihrem Fach von den Kollegen "nicht richtig ernst genommen" wird.

Die 350 eingeschriebenen Studenten haben es also nicht leicht, auch wenn laut Veit-Wild "nicht alle ernsthaft studieren". Der Fachbereich wirkt wie ein kleiner Betrieb, in einem Hauptseminar sitzen in der Regel nur zwischen fünf und 15 Kommilitonen. Persönliche Arbeitsatmosphäre und ein relativ enges Verhältnis zu den Dozenten sind hier noch möglich und werden von beiden Seiten auch sehr geschätzt.

Seit der Wende werden in den Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität drei Vertiefungsrichtungen angeboten: "Afrikanische Geschichte", "Linguistik" und "Afrikanische Literaturen und Kulturen". Im Magister-Hauptfachstudium werden im Grundstudium alle drei Richtungen gleichgewichtig belegt, im Haupstudium wählt man einen Schwerpunkt. Im Hauptfach muss mindestens eine afrikanische Sprache erlernt werden. Drei Professoren mit Assistenten, Lehrbeauftragte und wechselnde Referenten bilden das Lehrpersonal.

Das Studium ist nicht auf einen speziellen Beruf ausgerichtet. "Man studiert es nicht, weil es eine bestimmte Laufbahn ermöglicht", sagt die Professorin. Deshalb komme der Wahl der Nebenfächer besondere Bedeutung zu und natürlich dem Engagement, das über die Studienanforderungen hinausgeht. In speziellen Übungen werden zum Beispiel Rezensionen geschrieben - für diejenigen, die in die literaturkritische Richtung streben, eine gute Gelegenheit, sich auszuprobieren. Oder man diskutiert mit Leuten aus der Praxis über Berufsfelder für Afrikawissenschaftler. Kürzlich ging es um die Frage, welche Rolle die afrikanische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt spielt und wie die Öffentlichkeit auf diese Literatur aufmerksam gemacht werden kann.

Afrikanische Literatur in Deutschland? Ja, da fällt einem nicht viel ein. "Kein deutscher Verlag hat ein ausgeprägtes Interesse an afrikanischer Literatur", meint die Studentin Sabine Ayeh. Die Studenten wollen etwas dagegen tun. Zum Beispiel wird eine Internet-Plattform eingerichtet, um "Kommunikationslücken zu schließen". Vielleicht, so überlegen sie, sollten auch einzelne Gattungen wie den Krimi herausstellt werden. Nötig sei jedenfalls, dass der deutsche Leser zu Literaur aus Afrika "hingeführt wird".

Während die traditionelle Afrikanistik die Sprache ins Zentrum ihrer Forschung stellt, versteht Flora Veit-Wild, die übrigens selbst zehn Jahre in Simbabwe gelebt hat, ihr Fach als "Teil moderner Literatur-und Kulturwissenschaft". Nicht allein die afrikanische Kultur und Literatur, sondern auch deren Vermittlung nimmt sie ins Lehrprogramm. Deshalb werden auch Exkursionen auf die Frankfurter Buchmesse angeboten, wo die Studierenden mit Verlegern, Übersetzern und afrikanischen Autoren ins Gespräch kommen können.

Und Afrika selbst? Ja, auch dieses Abenteuer wartet auf die Studierenden - sofern das Geld für die Reise zusammenkommt. Die letztjährige Exkursion führte nach Simbabwe. Man traf Künstler, stattete der - in Afrika bekannten - Autorin Yvonne Vera einen Besuch ab und versuchte einen Einblick in die Alltagskultur. Wie entwickelt sich die Stadt? Wie verändert sich die Rolle der afrikanischen Frau? Wie sehen die Schulen aus? Fragen, die nach dem Verständnis der Professorin einen literaturzentrierten Afrikawissenschaftler interessieren sollten.

Ein Erlebnis werden die Teilnehmer der Exkursion wohl nicht vergessen. Die vierzehnköpfige Gruppe saßen einmal an einer Hotelbar, als plötzlich "eine Gruppe von Freiern unsere Mädchen anquatschte", so Veit-Wild. Die Studentinnen, die nicht wussten, dass in vielen afrikanischen Hotels die Grenze zu einem Bordell fließend verläuft, seien "ziemlich geschockt" gewesen. "Und für unsere Männer war es sehr schwierig, sie zu beschützen." Aber sie hätten es geschafft. Der kulturelle Zusammenstoß ging glimpflich aus.Das Seminar für Afrikawissenschaften befindet sich in der Luisenstraße 54-55. Informationen zum Studiengang können unter der Telefonnummer 20 93 66 70/99 angefordert werden.

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