Gesundheit : Olga mit dem stählernen Schneidezahn

„Schuld und Blini“ – mit dieser Geschichte gewann der Regisseur und Drehbuchautor Torsten Löhn den Hauptpreis des Erzählwettbewerbs

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Alles begann in jenem Moskauer Hotel, in dem ich als „Westler“ übernachten musste. Sie starrten mich vom langen Buffet aus an, gerade als mich einer von den „neuen Russen“ in Beschlag genommen hatte, die in ihren weißen Adidas-Anzügen an den Tischen hockten und mich nach Markenjeans und Regenschirmen ausfragten.

Ich erhob mich wortlos und näherte mich den schlichten, sehr runden Scheiben aus Buchweizen, heiß, zum Herunterschlingen, mit schneeigen Bergen aus kühlem Schmand, umlagert von Radieschen und kleinen Ansiedlungen von weichen, in Butter geschwenkten Zwiebeln oder angebratenem Hackfleisch.

Ich aß, stopfte, fraß.

Der Duft blieb mir in der Nase – nach Sommerernte, nach Strohfeuer duftende Blini! Ich wollte nichts anderes mehr. Das Erste, wonach ich die zitternde Speisekarte der Transsib durchforstete, waren Blini. Es gab Borschtsch mit Huhn, Beef Stroganoff und Soljanka für 0,67 Rubel, aber keine Blini. Mit fliegenden Fingern blätterte ich die Karte noch einmal durch.

Nirgendwo Blini.

Ich fragte Yura, unseren pilzköpfigen Schaffner, ob sie sich unter einem anderen Namen verbargen, aber er schüttelte lächelnd den Kopf. „Nix Blini!“

Nach zwei Tagen waren auch die anderen Speisen mit den klangvollen Namen nicht mehr vorhanden. Nur noch Soljanka. Von der gab es so reichlich, dass sie aus einem gewaltigen Tankwagen am Ende des Zuges stammen musste. Einmal fand ich ein Lorbeerblatt darin. Ich lutschte es genüsslich aus, wie einst der Häftling Iwan Denissowitsch.

Ich teilte mir mit dem einzigen weiteren Deutschen im Zug, einem U-Bootbauer, ein Abteil. Wir beschlossen, es uns möglichst gemütlich zu machen. Der dunkelhaarige Mann verstand unter „gemütlich“ vor allem, dass er sich mit Wodka zuschüttete.

Gesoffen hatte er schon am Nachmittag des ersten Tages mit den beiden jungen Weißrussen Valeri und Mischa, die sich freundlich zu uns gesetzt hatten. Und mit dem melancholischen Oberst Walodja, der fünf Flaschen brachte.

Wodka – „Wässerchen“.

Ich blieb dem Gelage mit Hinweis auf meine Jugend fern und sah ihnen von meiner Koje aus zu, wie sie eine Flasche nach der anderen öffneten und den Inhalt samt Wurst und Schwarzbrot herunterspülten. (...)

Die nächsten Tage vergingen eintönig, die Landschaft zog an uns vorbei. Birkenwälder, Lokomotivfriedhöfe, Birkenwälder. Ich zählte kaum noch Häuser, immer kahler wurde die Erde.

Bei den wenigen kurzen Aufenthalten an kleinen Bahnhöfen stürmten wir zu den – trotz der Augusthitze dick eingepackten – Großmüttern und versuchten sie zu bewegen, uns ihre Schätze zu verkaufen. Sie mümmelten in ihren zahnlosen Mündern an irgendetwas und blickten uns nicht an, als wäre ihnen ihr schmales Angebot selbst mehr als bewusst: Die wenigen Gurken, die krumm und unansehnlich wie Chromosomenpaare niederster Wesen in ihren Kinderwägen schlummerten, waren meist schon weg, ergattert von den flinken Spaniern am Kopf des Zuges, oder aber von Schnecken zerfressen. Manche war schlicht zu mickrig, um mit der ewigen Blutsuppe zu konkurrieren.

In der Nacht des siebten Reisetages, in der Yura uns aufgeregt mit dem Ruf „Beatles, Beatles“ weckte und wir auf einem tristen Provinzbahnhof durch Myriaden von halbfingerlangen schwarzen Käfern umherstaksten, dass es nur so knackte, in dieser Nacht nahm mich der Student zur Seite.

„Olga you know?“, fragte er mich.

Sofort war mir die propere Schaffnerin aus einem der hinteren Wagen vor Augen, ihr rot glänzendes Puppengesicht, die runden Arme und Beine, ihr kurzer dunkler Rock. Sie roch nach Kernseife und sah mich, seit ich ihren Wagen auf einem meiner Streifzüge durch den Zug betreten hatte, immer sehr herausfordernd an. „Was ist mit ihr?“

Yura blickte sich um und wartete ab, bis niemand mehr in Hörweite war. Er trat nah an mein Ohr und flüsterte:

„Olga is cooking in train. Blini, you understand?!“ Er grinste erwartungsvoll, doch ich starrte ihn verständnislos an. Yura senkte den Blick und trat von einem Bein aufs andere, dass die Käferpanzer hoch in die Luft spritzten. „I told cherr about yurr hangr!“

Am nächsten Morgen stand Olga bei uns im Abteil. Sie lachte aufgekratzt, so dass ich ihren stählernen Schneidezahn sehen konnte. Yura übersetzte, dass sie alles dabei hätte, um Blini herzustellen. Es gäbe auch einen kleinen Herd. Blini! Schon stieg mir der Geruch in die Nase. Olga stand vor mir, legte ihren Kopf zur Seite und betrachtete mich.

Sie wartete einen Augenblick und flüsterte Yura etwas ins Ohr. „But first: please take shower!“

Die Peinlichkeit des Moments versuchte ich mit Unverständnis zu überdecken: Es gäbe doch keine Duschen?!

Yura nickte heftig. „Yes, yes. At the topp of the train …“

Als ich ihn fragte, warum nicht alle Zuggäste dort duschen gingen, grinste er. Nein, das sei nur fürs Zugpersonal, „only the trainworkers“.

Olga flüsterte ihm wieder etwas zu, kicherte und blickte mich herausfordernd an. „And …“

„What?!“

Yura senkte wieder verschämt den Blick. Sein Pilzkopf-Pony rutschte ihm über die Augen. Er schwieg.

„And what?!“, rief ich ungeduldig.

„She wants …“ Olga gab ihm einen entschiedenen Stoß in die Rippen. „She wants to see at you!“

Der U-Bootbauer lag seit Tagen ununterbrochen im Bett. „Es geht mir um die Blini.“ Ich hatte den Kopf in seine Koje gesteckt und versuchte, ihm auf seiner Pritsche so nah wie möglich zu kommen, ohne von seiner Wodkafahne getroffen und versenkt zu werden. Die Frage schien mir peinlich genug, um sie im Vertraulichen zu verhandeln:

„Aber soll ich denn für Eierkuchen einfach alles so – hergeben?!“

Der U-Bootbauer grunzte.

Ich steckte ihm meinen Kopf widerwillig noch weiter entgegen und wisperte: „Olga …!“

Er öffnete seine blutunterlaufenen Augen. Ein Schwall Tränenflüssigkeit, die ich für reinen Wodka hielt, rann seine Wangen herab. „Die Unschuld“, keuchte er und drehte sich mir zu, „kann man schon für weit geringere Dinge verlieren“.

Olga schob mich vor sich her. Ich hörte ihre Stiefel in sicherem breiten Schritt knarren, während es mich immer wieder – Spielball des Gleisbetts wie ein Schiff bei Seegang – gegen die Glasscheiben der Abteile warf. Ich glaubte die geringschätzigen Blicke ihrer Bewohner zu spüren, während mich Olga mit ihren kleinen Händen sanft am Kragen packte und weiter Richtung Lokomotiven schob, durch die zehnte Wagentür.

Immer näher kamen wir der Spitze des Zuges. Das Dröhnen der mächtigen Zugmaschinen wurde lauter. Die Dieselschwaden drangen durch alle Ritzen und schienen mich noch zusätzlich betäuben zu wollen. Ich hielt mein Handtuch schützend vor meinen bekleideten Körper.

„Stoi!“, befahl sie plötzlich und drängte ihren festen und drallen Körper an mir vorbei, dass mir schwindlig wurde, um vor mir mit einem Dreikant eine schmale Tür zu öffnen.

Ich folgte Olga in einen einfachen, völlig dunklen Raum, der mit groben Holzbohlen ausgelegt war. Nur dass es vibrierte und wackelte, erinnerte mich daran, dass ich mich in einem Zug befand. Der Dieselgeruch schien hier verflogen, und das Dröhnen der Lok drang nur noch leise herein.

Olga schaltete eine kleine Lampe an. Am Ende des schmalen Raumes entdeckte ich eine Dusche mit einem weißen Vorhang und einer Leiter daneben.

Sie nahm einen großen, eingedellten Kessel, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf einen glühenden Kanonenofen in der Ecke.

Ich weiß nicht, was sie sagte, oder ob sie überhaupt etwas sagte. Ich jedenfalls begann, langsam meine Kleider abzulegen. Mit einer Bedachtsamkeit, wie ich sie noch nie in meinem Leben gezeigt hatte. Nackt bis auf die Unterhose stand ich schließlich da.

Mittlerweile kochte das Wasser, und Olga bestieg die Leiter neben der Dusche. Ich konnte ihre kräftigen Waden über den Rändern ihrer Stiefel betrachten, während sie sorgfältig den Wassertank befüllte.

Als ich den Vorhang zuziehen wollte, hielt sie mich sanft zurück. Sie setzte sich auf einen Schemel in der Nähe des Kanonenofens und bedeutete mir mit einem Wink, dass nun auch der letzte, feingerippte Vorhang zu fallen habe.

Ich wusch mich mit ihrer Kernseife. Nach acht Tagen im Zug tat das warme Wasser gut auf meiner Haut. Ich schloss die Augen. Und nach einer Weile war mir, als stiege mir der Duft von warmem Buchweizen in die Nase.

TORSTEN LÖHN (42) hat Film und Denkmalpflege studiert und als Restaurator und Aufnahmeleiter gearbeitet. Sein erster Film hieß „Paule und Julia“, er schreibt an dem zweiten.

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