Gesundheit : Operation Sparschwein

Jetzt wird’s ernst: Den Berliner Unikliniken steht mit der geplanten Fusion ein großer Eingriff bevor – ein Modell für andere Fächer?

Uwe Schlicht

Vielleicht wird Berlin Vorreiter einer wahrhaft revolutionären Idee: Zwei Universitäten beenden ihren Konkurrenzkampf miteinander und verbinden sich in der Leitung einer gemeinsamen Fakultät. Weil es so etwas bisher noch nicht gegeben hat, melden sich natürlich die Bedenkenträger. Aber die Neuordnung der Hochschulmedizin in Berlin löst nicht nur Ängste aus, sondern auch Hoffnungen. Ende kommender Woche wird der Wissenschaftsrat verkünden, was er von der Neuordnung der Hochschulmedizin in Berlin hält.

Der Berliner Senat hatte der Hochschulmedizin eine Einsparvorgabe von 98 Millionen Euro dauerhaft auferlegt. Diese Summe entspricht dem Staatszuschuss für Forschung und Lehre einer kompletten medizinischen Fakultät. Eine mit hochrangigen Medizinern besetzte Expertenkommission unter Vorsitz des ehemaligen Generalsekretärs des Wissenschaftsrats, Winfried Benz, hat eine Lösung vorgeschlagen. Sie basiert auf zwei Leitgedanken: Keine der beiden großen Universitäten in Berlin soll die Medizin verlieren, weil die Medizin das Profil sowohl der Humboldt-Universität als auch der Freien Universität bestimmt. Und: vor allem die Forschung setzt den Maßstab für eine Neuordnung der Medizin. Da die Forschung an den beiden Standorten Mitte der Charité und am Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität als herausragend beurteilt wurde, gab die Benz-Kommission diesen beiden Standorten Priorität zum Nachteil des dritten Standortes, dem Klinikum Rudolf Virchow der Charité am Standort Wedding.

Wer bekommt die Medizin?

Die Vorschläge der Benz-Kommission haben eine heftige Diskussion in Berlin ausgelöst, aber auch viel in Bewegung gesetzt. Wir dokumentieren im Folgenden den aktuellen Stand der Debatte:

Eine selbstständige Medizinische Hochschule als Alternative zur Fusion der beiden Fakultäten haben sowohl die Vertreter der Berliner Hochschulmedizin als auch die Expertenkommission abgelehnt. Winfried Benz sagt: „Der Auszug der Medizin aus den Universitäten ist nicht zu verantworten. Die Medizin gehört in die Universitäten. Eine Fakultät zu schließen, wäre nicht die richtige Lösung. Die Fächer sind im Universitätsverbund wichtig.” Der Präsident der Freien Universität, Peter Gaehtgens, sieht es ähnlich: „Auf eine Medizinische Hochschule hätten die Universitätspräsidenten zu wenig Einfluss. Wir wollen aber nicht nur protokollarisch die medizinische Fakultät leiten.” Der Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, äußert dagegen: „Ich habe die große Befürchtung, dass das von der Benz-Kommission vorgeschlagene interuniversitäre Zentrum die Medizin nicht näher an die Universität heranbringen, sondern weiter von der Universität entfernen wird. Das interuniversitäre Zentrum ist eine verkappte medizinische Hochschule.” Mlynek hat bei seinen Besuchen bei asiatischen, amerikanischen und englischen Universitäten die Erfahrung gemacht, dass die nächsten zehn bis 20 Jahre „im Zeichen der Lebenswissenschaften stehen werden”. Damit komme der Medizin in Verbindung mit den Naturwissenschaften, der Bioinformatik, der Ethik und der angewandten Mathematik eine entscheidende Bedeutung zu. Deswegen müsse die Medizin unbedingt im Universitätsverbund bleiben.

Die Fusion von zwei medizinischen Fakultäten unterschiedlicher Universitäten kann nur unter den Sonderbedingungen Berlins verstanden werden – als Lösung für eine Stadt, die den Haushaltsnotstand ausgerufen hat, nicht aber als bundesweites Modell. In der Hochschulrektorenkonferenz sieht man das anders: Zu weit seien die Vorbereitungen gediehen, um ähnliche Fusionslösungen in der Medizin zwischen Lübeck und Kiel, Greifswald und Rostock, Mannheim und Heidelberg oder an den beiden Universitätsklinika in München in die Wege zu leiten. Unter den deutschen Hochschulrektoren ist die Sympathie für die Berliner Lösung aus diesem Grunde nicht groß. Anders dürfte das im Wissenschaftsrat gesehen werden. Hat doch er schon in einer früheren Empfehlung darauf hingewiesen, dass so viele medizinische Fakultäten wie heute nicht mehr aufrecht erhalten werden können.

Doch ist die Fusion der beiden medizinischen Fakultäten für die Berliner Politiker eine Versuchung, auch in anderen Fachrichtungen ähnlich zu verfahren? Zum Beispiel gibt es an den Berliner Universitäten Doppel- und Dreifachangebote in Jura, den Wirtschaftswissenschaften oder Naturwissenschaften. Die Politiker der rot-roten Koalition bereiten sich bereits auf das Jahr 2006 vor. Dann soll der Staatszuschuss um weitere 20 Prozent verringert werden, was auf eine Reduzierung der Zahl der Studienplätze von heute 85 000 auf knapp über 60 000 hinausläuft. FU-Präsident Gaehtgens und HU-Präsident Mlynek sehen durchaus die Gefahr, dass das Modell Hochschulmedizin auf andere Fächer übertragen wird. Wie denken die Hochschulpolitiker der Regierungskoalition darüber? Der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Bert Flemming meint, Fusionen könnten nur mit Zustimmung der Beteiligten gelingen. Deswegen müsste die Initiative dazu aus den Hochschulen kommen. Die Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses, Annette Fugmann-Heesing, ergänzt, ob sich dieses Modell auf andere Fächer übertragen lasse, hänge auch vom Volumen der Einsparauflagen ab.

Trotz aller dieser Bedenken hat sich FU-Präsident Gaehtgens dazu durchgerungen, die Fusion der beiden medizinischen Fakultäten und der drei Universitätsklinika zu unterstützen. Er stellt auch die Bedenken zurück, dass die FU-Mediziner in den Gremien von den Kollegen der erheblich größeren Charité überstimmt werden könnten.

Die Leitung des FU-Klinikums Benjamin Franklin verbindet mit dem neuen Modell vor allem Hoffnungen. Forschungsdekan Rudolf Tauber schätzt die Vorschläge im Expertengutachten positiv ein: „Das ist der Königsweg. So bleiben FU und HU als Volluniversitäten erhalten, wenn sie die Medizin in ihrem Fächerkanon haben. Die anderen Fächer bedürfen der Medizin. Und die Medizin begibt sich nicht des Schutzes der Universität.” Bei einer Diskussion der Böll-Stiftung appellierte er an die Kollegen von der Charité, jetzt gemeinsam zur Vorbereitung der Fusion möglichst Kosten sparende Lösungen für den Umzug von Instituten und Kliniken zu erarbeiten. Um künftig den „Studenten-Tourismus” zwischen den Studienorten Charité Mitte und Wedding sowie dem FU-Campus in Dahlem und Steglitz einzugrenzen, schlug er die Organisation von Studientagen – mal in Mitte, mal im FU-Bereich – vor. Unverrückbar scheint im Augenblick noch die Haltung der Humboldt-Universität, wie sie ihr Präsident Mlynek formuliert: „Wenn schon eine Fakultät und ein Klinikum gebildet werden müssen, dann soll diese Konzentration der Berliner Universitätsmedizin den Namen Charité tragen und aus organisatorischen Gründen nur einer Universität zugeordnet werden.”. Auf jeden Fall brauche die künftige gemeinsame Fakultät klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, die nur an einer Universität gewährleistet seien. Dass dies die Humboldt-Universität sei, begründet Mlynek mit dem größeren Forschungspotenzial vor allem in der Biomedizin an der Charité.

Der ärztliche Direktor der Charité Manfred Dietel rückt zwar nicht direkt von dieser offiziellen Position der Humboldt-Universität ab, aber er wagt einen realistischen Blick in die Zukunft. Nachdem er die Pläne von SPD und PDS für ein Vorschaltgesetz eingesehen hatte, sagte er dem Tagesspiegel: „Es wird wohl so kommen, dass aus der Fusion eine Fakultät und ein Klinikum hervorgehen. Das Ganze heißt dann Charité, in Steglitz mit dem Untertitel ‚Campus Benjamin Franklin’. Jetzt versuchen wir, uns mit den Kollegen der FU zusammenzuraufen. Wenn die Zusammenarbeit nicht funktionieren sollte, wäre ein Rückfall in eine schematische Aufteilung der Einsparvorgabe von 98 Millionen Euro denkbar – das heißt auf 68 Millionen Euro, die von der Charité zu erbringen sind, und 30 Millionen zu Lasten der FU.”

Was kostet die Fusion wirklich?

Die Charité hat die betriebswirtschaftlichen Folgekosten einer Klinikums- und Fakultätsfusion berechnen lassen. Die Unternehmensberatung CapGemini – Ernst & Young schätzt allein die Einnahmeausfälle durch die Reduzierung von 1300 Klinikumsbetten auf bis zu 2,2 Milliarden Euro. Das ist eine so riesige Spannweite, dass der Vorsitzende der Expertenkommission, Benz, die Seriosität dieser Berechnung in Zweifel zieht: „Die Charité stützt sich auf ein Gutachten, das eher eine Auftragsarbeit als eine objektive Wirtschaftsprüfung ist. Das ist kein ernsthaftes Papier. Man kann der Politik nur empfehlen, unabhängige Gutachter zu holen, die eine entsprechende Wirtschaftsprüfung vornehmen.”

Ebenso zweifelt Winfried Benz die Höhe der Umzugs- und Umbaukosten an, die von der Unternehmensberatung CapGemini – Ernst & Young mit 300 bis 500 Millionen Euro beziffert werden. Er komme überhaupt nicht auf die Zahl von 40 bis 50 Instituts- und Klinikverlagerungen und damit auf die geschätzten Millionensummen. Die Charité verteidigt sich gegen diese Kritik mit dem Argument, es handle sich um eine „Worst-case-Berechnung”.

Wie soll es nun weitergehen? Winfried Benz und Rudolf Tauber sind sich einig in der Einschätzung, dass jetzt möglichst schnell die Politiker entscheiden müssen, weil erst danach eine wirklich konstruktive Zusammenarbeit der beiden medizinischen Fakultäten von FU und HU möglich sein werde. FU-Präsident Peter Gaehtgens formuliert es so: „Das Expertengutachten ist kein ‚Kochbuch’, das eins zu eins umzusetzen ist. Man muss den Rahmen ausloten. Jetzt besteht die Gefahr, dass die Diskussion sich im Klein-Klein verliert. Der Standort Berlin verlangt aber eine andere Politik und verdient sie auch.”

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