Gesundheit : Opposition im Ostblock: Mit den Dissidenten begann der Aufbruch

Heiko Schwarzburger

Jacques Rossi ist ein brillanter Erzähler. Wie Musik hallt seine virtuos tanzende Stimme durch den festlichen Saal des Gutshauses von Genshagen. Doch der 90-jährige Star der französischen Memoirenliteratur ist nicht im Raum, ein Tonband spult seine Geschichten ab. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, so unglaublich klingen sie: Rossi erzählt von Menschen, die zu Tieren wurden, vom alltäglichen Verrat, von jahrelanger Folter und von Pelztierjägern in der Tundra, die entflohenen Sträflingen die Köpfe abhackten.

Rossi kennt sich aus im hohen Norden Russlands. Fast 20 Jahre saß er im Gulag. Seine "Enzyklopädie des Gulag", die vor wenigen Jahren in Frankreich erschienen ist, wird noch immer viel gekauft. Für seine Lebenserinnerungen fand sich jedoch bislang kein deutscher Verleger. Wie sich die Geschichte gleicht: Solschenizyns "Archipel Gulag" kam 1974 erst über Umwege durch die Schweiz nach Deutschland. Ein Jahr zuvor war das russische Original in Paris erschienen. Ein Zeichen dafür, dass die so genannten linken Intellektuellen Frankreichs und Westdeutschlands die Opposition jenseits des Eisernen Vorhanges ganz verschieden bewertet haben.

Der Archipel Gulag

Auf einer Tagung im deutsch-französischen Begegnungszentrum in Genshagen begaben sich Historiker und Zeitzeugen aus Deutschland, Frankreich, Polen und der Tschechoslowakei auf die schwierige Suche nach den Spuren der Dissidenten. Rossis Erfolg bildete den Anlass. Solschenizyn nahm den breitesten Raum der Debatte ein. Denn: Kaum ein Buch hat die Opposition im Ostblock so voran gebracht wie der "Archipel". Und kaum ein Werk brachte die Kommunisten in Westeuropa derart in Schwierigkeiten. "Man konnte einfach nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es in der Sowjetunion Konzentrationslager gab" - so erklärt sichCécile Vaissié, Historikerin am Institut für Politikwissenschaften in Paris, die Wirkung. "Deshalb versuchten die französischen Linken noch lange, die Kritik am KZ-System Stalins als antikommunistisch zu verunglimpfen."

Ein großer Teil der intellektuellen Elite, darunter Sartre, Camus und Aragon, sympathisierten mit den orthodoxen Kommunisten (FKP) um Maurice Thorez. Bis Mitte der 70-er Jahre weigerte sich die FKP, Chrustschows Geheimrede über die Verbrechen des Stalinismus zu veröffentlichen. Nach dem "Archipel" nutzte alles Schweigen nichts mehr. Auch die fortan heftigen Versuche der Linken, die Erstarrung des sozialistischen Systems allein dem Genossen Stalin anzulasten, wurden von den Ereignissen überholt.

Nur ein Jahr nach der Schlussakte von Helsinki, der Großkonferenz von Ost und West, die ein neues Tauwetter einzuleiten schien, musste Wolf Biermann die DDR verlassen. Im Jahr darauf erschien in Köln Rudolf Bahros "Die Alternative". In Prag gründete sich die "Charta 77". "Die neuen oppositionellen Gruppen in der Tschechoslowakei sind die geistigen Kinder des Prager Frühlings", sagte Annabelle Lutz von der Universität in Potsdam zu Recht. "In der DDR waren dies die Aufbaukinder, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr bewusst miterlebt hatten." Robert Havemann, der unter den Nazis noch mit Erich Honecker im Brandenburger Zuchthaus gesessen hatte, war längst isoliert. Doch Biermann und Bahro traten sein Erbe an. Zur gleichen Zeit begannen in Danzig (Gdansk) die ersten Streiks, die zu Beginn der 80-er Jahre in der neuen Organisation der Oppositionellen, der Solidarnosc mündeten. "Jeder Versuch, das stalinistische System des Ostblocks zu reformieren, zielte letztlich auf seine Zerstörung", sagte der DDR-Dissident Wolfgang Templin in Genshagen. "Das musste allen, die in die Opposition gingen, klar sein." Zerstört wurde aber auch die Illusion der Linksintellektuellen im Westen, die bis dahin in Moskau eine gesellschaftliche Alternative zum Kapitalismus gesehen hatten. "Opposition im Osten und Opposition im Westen meinten zwei grundverschiedene Dinge", erläuterte Karol Modzelewski, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Warschau. Zwischen 1980 und 1981 war der Historiker zugleich der Pressesprecher der Solidarnosc. Nachdem die Stalinisten in Warschau das Kriegsrecht verhängt hatten, wanderte er für drei Jahre in polnische Gefängnisse. "Opposition im Osten bedeutete den Versuch, eine nichtkommunistische Arbeiterbewegung zu formieren."

Unter den Fittichen der Kirche

Die Danziger Solidarnosc erhielt damals aus Westdeutschland große Unterstützung, vor allem von den Schriftstellern Heinrich Böll und Günter Grass. Böll war es übrigens auch, der Solschenizyn eine erste Heimstatt bot, als der russische Nobelpreisträger 1974 überraschend seiner Heimat verwiesen wurde. Die französischen Linken beäugten die Solidarnosc eher argwöhnisch, da die unabhängige Gewerkschaft enge Kontakte zur katholischen Kirche unterhielt. Auch die ostdeutschen Oppositionellen wurden unter den Fittichen der Kirche groß. "In den 80-er Jahren haben wir versucht, die protestantischen Kirchen zu verlassen, uns zunehmend zu politisieren", erinnerte sich Wolfgang Templin. "Die Kirchen boten uns nur einen kleinen Spielraum. Wir wollten offen oppositionell handeln, uns Gehör verschaffen."

Allerdings war die Opposition in der DDR stark regional geprägt. Biermann kam aus Jena zu Havemann nach Ost-Berlin. In OstBerlin, Jena, Leipzig und Dresden wuchs dann eine neue Generation der Opposition heran, die Annabelle Lutz die "Mauerkinder" nannte: junge Leute, die sich mit der geistigen Enge in der DDR abgefunden hatten und eher aus Frust denn aus proletarischer Überzeugung revoltierten. Sie waren es, die seit Mitte der 80-er Jahre den Protest in die Öffentlichkeit trugen, mit phantasievollen, gewaltfreien Aktionen bis hin zur Leipziger Montagsdemonstration. In der Tschechoslowakei hingegen blieb die Opposition fast ausschließlich auf Prag und Bratislava begrenzt. In Polen lag das Schwergewicht deutlich in Gdansk.

Der Westen hat die langsam heranreifende Erosion des Ostens bis zuletzt unterschätzt. Nicht nur die westlichen Geheimdienste, auch die linken Intellektuellen Westeuropas wurden von den Ereignissen im Herbst 1989 förmlich überrollt. "Der Kommunismus fiel, weil ihn Gorbatschow modernisieren wollte", meinte Karel Modzelewski und bestätigte damit die These von Wolfgang Templin. "Ein paar Dissidenten aus Russland, Polen oder Deutschland waren sicher nicht der Grund."

Bleibt von ihnen nicht mehr als eine Fußnote in den Geschichtsbüchern? Mit dem Übergang zur Demokratie scheinen die meisten früheren Dissidenten ihr Ziel erreicht zu haben. Ihre Suche nach "Alternativen" ist beendet. Nur Rudolf Bahro, der seine Kritik am Stalinismus 1990 in seinem Werk "Die Logik der Rettung" zur Kritik an der technokratischen Wachstumsgesellschaft erweitert hatte, wird zumindest in den Vereinigten Staaten als Vordenker einer neuen politischen Bewegung angesehen.

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