Gesundheit : Orthopädie: Ärzte entdecken das Schultergelenk

Adelheid Müller-Lissner

Früher, in den Anfängen, leiteten sie "Krüppelanstalten". Vor allem Kinder wurden dort behandelt: Von Geburt an oder aufgrund von Krankheiten und Mangelschäden wie Kinderlähmung oder Rachitis hatten sie Probleme mit ihrem Bewegungsapparat. Lange Zeit bestanden die Hilfsmittel der Orthopäden vor allem in Schienenapparaten und Spezialschuhen. Heute hat sich die Tätigkeit der Spezialisten für die Stütz- und Bewegungsorgane verlagert: Sie haben einerseits mit dem altersbedingten Abbau, andererseits aber auch immer mehr mit der sportbedingten Verletzung von Knochen, Bändern, Sehnen und Muskeln zu tun.

Allein in Deutschland werden pro Jahr 180 000 künstliche Hüft- und 60 000 Kniegelenke eingesetzt, die Tendenz ist weiter steigend. Aus gutem Grund bildet jedoch beim diesjährigen Deutschen Orthopädenkongress, der noch bis zum Sonnabend im Estrel Hotel stattfindet, ein anderes Gelenk den Schwerpunkt: die Schulter. "Damit wird ein Gelenk in den Mittelpunkt gestellt, das vor 30 Jahren im Behandlungsspektrum einer orthopädischen Klinik oder Praxis nur eine ganz geringe Rolle gespielt hat, heute aber aus dem ärztlichen Behandlungsspektrum nicht mehr wegzudenken ist", erklärte Kongresspräsident Hans Wolfram Neumann von der Universitätsklinik Magdeburg.

Dass die Schulter zum Thema wurde, verdankt sie zum einen den gewachsenen Behandlungsmöglichkeiten. Inzwischen wird auch hier vielfach in Schlüssellochtechnik operiert. Auch künstlicher Gelenkersatz wird nach Brüchen und Abnutzungserscheinungen zunehmend eingesetzt.

Doch die Schulter ist noch aus einem anderen Grund zum wichtigen Orthopäden-Thema avanciert: "Verändertes Freizeitverhalten hat auch veränderte Verletzungsmuster zur Folge", sagte Andreas Imhoff von der Technischen Universität München. Beim "klassischen" Skilaufen kommt es eher zu Bein- und Knieverletzungen, beim Carving, dem rasanten Fahren ohne Stöcke, und beim Snowboarden dagegen sind Schulter, Arme und Hände wesentlich häufiger betroffen. Da sind die neuen Behandlungsmöglichkeiten gefragt, "mit der Kamera im Gelenk" und mit kleinen Schrauben und Ankergeräten, die nach und nach resorbiert werden.

Der Sportorthopäde fühlt sich allerdings auch für die Vorbeugung zuständig, für den Hinweis auf Handgelenksschoner, Sturzhelme und die Schulung in geeigneten Sturztechniken. Frühes Eingreifen haben sich auch die molekularbiologisch forschenden Orthopäden zum Ziel gesetzt. Thomas Pap von der Universität Magdeburg erläuterte, dass das Interesse dabei inzwischen vermehrt den Fibroblasten gilt, aktivierten Bindegewebszellen, die bei der Zerstörung von Knochen und Knorpel und der Bildung der verdickten Gelenkinnenhaut beim entzündlichen Gelenkrheumatismus offensichtlich eine entscheidende Rolle spielen. Wie Tumorzellen sterben sie nicht den normalen Zelltod. Die Forscher suchen nach Möglichkeiten, mittels Gentransfer in das zerstörerische Geschehen einzugreifen.

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