Gesundheit : Ostdeutsche Universitäten: Übersichtlich, planbar, schnell

Heiko Schwarzburger

Irgend etwas machen die Ostdeutschen anders: In der jüngsten Analyse des Wissenschaftsrates über die Studienzeiten in Deutschland stehen die ostdeutschen Hochschulen in wichtigen Fächern an der Spitze bei den kürzesten Studienzeiten.

Wer Hochschulen im Osten besucht, erfährt einiges über die Gründe für den Erfolg in der Ausbildung. "Das liegt natürlich zum Teil an der exzellenten Ausstattung", meint Mario Steinebach von der Technischen Universität Chemnitz. In Chemnitz, Dresden und Cottbus stehen heute sehr leistungsfähige Großrechner. Vor zwölf Jahren hatten sie gerade die ersten 16-Bit-Rechner von Robotron. Die TU Chemnitz gilt als Durchlauferhitzer in den klassischen Technikfächern und vor allem in der Informatik. "Bei uns teilen sich zehn Studenten einen Computer." Im Bundesdurchschnitt sitzen 39 Studenten an einem PC. Alle Studentenwohnheime in Chemnitz sind mit Breitbandkabeln vernetzt - für fünf Mark pro Monat kann sich jeder Student einklinken. Hinzu kommt ein günstiges Betreuungsverhältnis: In Chemnitz betreuen zwölf Professoren rund 410 Informatikstudenten.

Doch die Technik allein nutzt nichts: Eine ganze Generation von westdeutschen und ausländischen Computerexperten heuerte im Osten an - neue Informatiklehrstühle schossen dort nach der Wiedervereinigung wie Pilze aus dem Boden. In Westdeutschland waren damals viele Stellen durch ältere Professoren besetzt. In den vergangenen Jahren trennte sich an den ostdeutschen Lehrstühlen ein weiteres Mal die Spreu vom Weizen: Wer nur Karriere machen wollte, floh schnell vor den Aufbauschwierigkeiten zurück in den Westen. Etliche Leistungsträger aber blieben und ernten heute die Früchte ihrer Arbeit: mit Sonderforschungsbereichen und Aufträgen aus der Industrie. Offenbar stellten sich diese Neuen aus dem Westen auch gut auf ostdeutsche Traditionen ein - und dazu gehört ein zielgerichtetes schnelles Studium.

Achim Mehlhorn, Rektor der TU Dresden, bestätigt: "Vor allem in den technischen Fächern sind die Studienpläne bei uns besser durchorganisiert. Die Module werden nach jedem Semester mit Prüfungen abgeschlossen." Das zwingt zur Zielstrebigkeit. Wer zweimal versagt, muss gehen. "Das Studium ist gut planbar", lobt der Chemnitzer Studentensprecher Karsten Petersen. "Lehrveranstaltungen liegen selten parallel. Die Stundenpläne sind gut abgestimmt." Die Chemnitzer Studenten loben vor allem, dass ihre Dozenten jederzeit ansprechbar sind. Wie in Dresden gibt es für jedes Studienfach einen Berater, der den Studenten hilft, ihre Fächer zu planen und sie im Dickicht der Prüfungsordnungen an die Hand nimmt.

Weniger Juristen, mehr Ingenieure

Thüringens Landesuniversität in Jena verzeichnet in Germanistik, Informatik (je elf Fachsemester), Anglistik, Betriebswirtschaftslehre und Physik (zehn Fachsemester) bundesweit mit die kürzesten Studienzeiten. In diesem Semester waren erstmals mehr als 15 000 Studenten eingeschriebenen. Vor allem die Naturwissenschaften profitieren von dem Personalmangel in der Industrie. Andererseits ist die Stunde Null beim Aufbau der neuen Länder vorbei - für junge Manager und Juristen stehen die Türen nicht mehr so weit offen wie noch vor fünf Jahren. Die Zahl der Jurastudenten stürzte folgerichtig um zwölf Prozent ab. "Dadurch können wir erhebliche Engpässe in der Betreuung abbauen, die sich in den vergangenen Jahren wegen der enormen Nachfrage ergaben", meinte Peter Hallpap, Chefstatistiker der Universität.

Noch immer studieren nur wenige Westdeutsche im Osten. An der TU Dresden sind es 15 Prozent, also rund 900 Anfänger pro Semester. "Aber die Leute, die zu uns kommen, sind deutlich besser motiviert", berichtet Ernst Sigmund, Präsident der Brandenburgisch-Technischen Universität (BTU) in Cottbus. In Cottbus hat sich die Zahl der Studenten aus dem Westen in den letzten Jahren spürbar erhöht. Die Randlage an der polnischen Grenze wirkt sich für Cottbus nicht nur negativ aus: "Zu uns kommen auch immer mehr Studenten aus Polen, Tschechien und der Ukraine", erzählt Sigmund. "Diese jungen Leute haben eine deutlich bessere Schulausbildung in den Naturwissenschaften."

Die Unis in Ostdeutschland sind kleiner als in Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen, von Berlin, München, Köln oder Hamburg ganz zu schweigen. Die Lebenshaltungskosten liegen deutlich niedriger als in den Metropolen. "Bei uns ist es auch einfacher, eine Stelle als wissenschaftlicher Hilfsassistent zu bekommen", bestätigt Bernd Viehweger, Professor für Leichtbau an der TU Cottbus. "Das sind begehrte Jobs, weil unser Stundensatz über den ortsüblichen Tarifen liegt." Viele der neuen Professoren in Potsdam, Rostock, Greifswald oder Cottbus haben noch keine sechs Jahre ihren Lehrstuhl. Ihnen fehlen oft noch die Assistenten. Nach dem Bundesangestelltentarif (BAT) werden für Forscher im Osten nur 86 Prozent der Westgehälter gezahlt - ein weiterer Grund für die ostdeutschen Universitäten, sich auf ihre eigenen Stärken zu besinnen.

Der Bedarf an Nachwuchsforschern ist riesig. Wer im Osten studiert und seinen Abschluss zügig erreicht, dem steht eine glänzende Karriere offen. Obwohl die chemische Industrie im Westen über viele Jahre verlauten ließ, sie habe keinen Bedarf an Spezialisten und die ostdeutsche Chemiebranche bis auf wenige Ausnahmen von der Landkarte verschwand, investierte beispielsweise die Universität Leipzig Millionen in neue Labors und Lehrgebäude. Mit Erfolg: In diesem Sommer schnellte die Zahl der Studienanfänger in der Chemie auf 78 hoch und lag damit viermal höher als 1995. Für die Biochemie gilt bereits ein Numerus Clausus.

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