Gesundheit : Otto-Suhr-Institut: Demontage der Berliner Politologie

Peter Grottian

Die Vorschläge des Wissenschaftsrates zur Entwicklung der Berliner Hochschulen sind maßstabslos. Sie wirken nirgends erneuernd, zum Teil jedoch zerstörerisch. Am Exempel der Politikwissenschaft ist die zerstörerische Eigenschaft nachzuweisen. Wir haben uns in der Vergangenheit zähneknirschend an der Berliner Strukturplanung beteiligt, die schon Kürzungen von derzeit 28 auf 18 Professuren bis zum Jahr 2003 enthält. Der Wissenschaftsrat sieht für die Politikwissenschaft an der FU weitere Einsparungen auf zehn bis

zwölf Professuren vor. Sollten diese realisiert werden, wird die Tradition und Funktion des Otto-Suhr-Instituts abgebrochen.

Wir vermissen im Gutachten des Wissenschaftsrats eine Analyse der Aufgaben der Politikwissenschaft. Erst daraus könnten konzeptionelle Leitlinien entwickelt werden. Stattdessen folgt der Wissenschaftsrat perspektivlos einem ihm vorgegebenen Sparprogramm. Die Frage, was Politikwissenschaft in Zeiten weltweiter technologischer und ökologischer Herausforderungen sowie sozialer Umbrüche zu sagen vermag, gerät nicht ins Blickfeld.

Die generelle Antwort des Wissenschaftsrats ist vielmehr: Rückführung der Massenuniversität durch verschärften Numerus clausus, Verkleinerung der Institute durch Abbau von Hochschullehrerstellen, "integrierte" Studiengänge unter Verzicht auf Ausbildungsprofile und ohne Berücksichtigung der Nachfrage in der Hauptstadt eines G7-Landes. Dennoch erwartet der Wissenschaftsrat, dass durch "Verschlankung" neue Kooperationsformen und "neue postgraduale Angebote" möglich werden.

Besonders ärgerlich ist, dass zur Untermauerung des Sparkonzepts mit falschen Angaben operiert wird: überlange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten. Das Otto-Suhr-Institut ist aber nicht nur die attraktivste politikwissenschaftliche Ausbildungsinstitution Deutschlands und bildet mit 28,4 Prozent aller Diplom-Politologen die meisten Politikwissenschaftler in Deutschland aus. Studien weisen den Erfolg der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt aus - nur 5,6 Prozent bleiben erwerbslos. Die Studienzeiten sind mit 11,6 Semestern undramatisch. Über Abbrecherquoten lässt sich dabei wenig sagen. Das Institut hat mit 3000 Studierenden im Hauptfach, 2000 im Nebenfach sowie 600 im Lehramt seit Anfang der 80er-Jahre eine überdurchschnittliche Ausbildungsleistung erbracht (200-250 Absolventen im Jahr). Auch die Aussagen zur Abnahme des wissenschaftlichen Standards stehen im Widerspruch zu den Tatsachen. Das Institut hat eine der vielfältigsten Forschungsproduktionen und ist in gesellschaftlichen Reformdebatten wohl am häufigsten vertreten.

Entgegen den Aussagen des Wissenschaftsrates hat das Institut außerdem eine Reihe von Innovationen in der Ausbildung entwickelt (Reform des Diplom- und Lehramtsstudiengangs). Es hat einen deutsch-französischen Studienzyklus aufgebaut und ein Studiengangkonzept zu einem doppelsprachigen "master for international relations" verabschiedet. Die Politologen haben mit den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften das interdisziplinäre Fach Umweltmanagement entwickelt. Zudem ist das Institut Vorreiter für die Genderforschung.

Der Wissenschaftsrat demontiert das Selbstverständnis der Berliner Politikwissenschaft als Integrationswissenschaft. Niemand wird bestreiten, dass Politische Ökonomie etwas anderes ist als die Addition von Politikwissenschaft und Ökonomie. Die Empfehlung zur Externalisierung des ökonomischen, rechtlichen und historischen Lehrangebots hätte vor allem die Abschaffung bestimmter Theorietraditionen zur Folge. Reine Haupt- und Nebenfachstudiengänge überlassen die Integration in der Regel den Köpfen der Studierenden.

Natürlich hat das Institut auch Defizite, zu deren Behebung Anstrengungen nötig sind. Dazu gehören: Ein integrierendes Lehrangebot über den Fachbereich hinaus in Kooperation mit den anderen Universitäten Berlins und der Universität Potsdam. Zudem eine Austarierung des Ausbildungsangebots in Diplom-, Master- und Postgraduierten Studiengängen. Wir wollen an der integrationswissenschaftlichen Ausrichtung des Diplom-Studiengangs festhalten und sehen keinen Sinn, einen generellen berufsqualifizierenden Abschluss schon nach sechs Semestern einzurichten. Der Politologe als Generalist sollte als Leitbild erhalten bleiben.

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