Gesundheit : Otto Warburg war nach 1945 der letzte Nobelpreisträger, der Berlin die Treue hielt

Hartmut Wewetzer

Kein Zweifel, Otto Heinrich Warburg war ein großer Herr. "Innerlich und äußerlich ein Grandseigneur" schrieb der Tagesspiegel zum 80. Geburtstag des Dahlemer Forschers am 8. Oktober 1963: "Ein einsames Denkal eines in dieser Zeit aussterbenden individualistischen Forschertyps." Und: "Er ist einer der zähesten, fleißigsten, diszipliniertesten Wissenschaftler, die man sich denken kann." Warburg umgaben schon zu Lebzeiten Legenden, seine Theorien etwa zur Krebsentstehung wurden auch in der Öffentlichkeit heiß diskutiert. Heute ist er so gut wie vergessen. Wer war der Mann, der den Spitznamen "Kaiser von Dahlem" trug?

Warburg war so etwas wie das personifizierte Prinzip der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: elitär, autokratisch und wissenschaftliche Weltspitze. Die von Wilhelm II. 1912 ins Leben gerufene Wissenschaftler-Vereinigung residierte in Dahlem. Sie errichtete herausragenden Forschern eigene Institute und ließ ihnen völlig freie Hand beim Arbeiten - ein heute undenkbares Vorgehen, was aber dazu führte, dass Dahlem zum "deutschen Oxford" wurde und Nobelpreis um Nobelpreis einheimste. Warburg hätte sogar fast zwei bekommen (und nach 1945 war er der letzte Nobelpreisträger, der der Stadt die Treue hielt).

Otto Warburg wurde 1883 in Freiburg geboren, er studiert Chemie und Medizin, wurde 1913 Abteilungsleiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie und bekam 1930 sein eigenes Institut. Es war ein dem Stil eines märkischen Herrenhauses in Groß Kreutz nachempfundenes Gebäude an der Garystraße, Ecke Boltzmannstraße. Hier residierte Warburg mit kriegsbedingter Unterbrechung bis zu seinem Tod 1970; jeden Morgen brachte er seine Pudel und Doggen mit ins Institut, hier hielt er Hühner, Pferde und eine Kuh und betrieb biologische Landwirtschaft. Als er in späteren Jahren das Bundesverdienstkreuz in Bonn entgegennehmen sollte, schrieb er mit Hinweis auf seine knappe Zeit: "Schicken Sie mir doch den Orden per Post." Wissenschaftliche Kongresse hielt der von preußischer Arbeitsdisziplin geprägte Junggeselle, der niemals eine Universitätsvorlesung abhielt, für Zeitverschwendung und akademischen Tourismus. Und für seine Mitarbeiter gab es "außer Tod keinen Grund, nicht zur Arbeit zu erscheinen".

Warburgs ganzes wissenschaftliches Streben galt dem Verständnis der Chemie des Lebens. Er untersuchte, welche biochemischen Prozesse bei der Atmung der Zelle und bei der Gärung ablaufen. So stieß er auf bestimmte körpereigene "Reaktionsbeschleuniger" (Katalysatoren), in der Biologie Fermente oder Enzyme genannt. Die Fermente (zumeist Eiweißmoleküle) steuern die Lebensvorgänge, ohne dabei selbst "verbraucht" zu werden, wie der aus der Luft genommene Sauerstoff oder der aus der Nahrung gewonnene Traubenzucker. Warburg erhellte im Detail, auf welche Weise der Sauerstoff mit Hilfe der Fermente auf den Brennstoff in der Zelle übertragen wird. Für diese Forschung erhielt er 1931 den Nobelpreis für Medizin.

Aber Warburg beschäftigte sich auch mit dem umgekehrten Vorgang der Atmung, nämlich nicht mit dem Abbau, sondern dem Aufbau von Nährstoffen durch die Photosynthese der Pflanze. Und schließlich widmete er sich auch der Krebsforschung; er vertrat vehement die These, dass die Krebszelle sich von der Sauerstoff-Atmung ab- und der Energiegewinnung durch Gärung (unter Ausschluss des Luftsauerstoffs) zugewandt haben müsse. Mit diesem Mechanismus glaubte Warburg, den Schlüssel zur Lösung des Krebsproblems in der Hand zu halten. Doch gelang es ihm nicht, die wissenschaftliche Welt von seiner Meinung zu überzeugen. Heute ist Warburgs Krebstheorie nur noch eine Fußnote der Medizingeschichte - ganz anders als seine bahnbrechenden Arbeiten zur Zellatmung.

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