Gesundheit : Parkinson: Verheerende Nebenwirkungen bei Therapie

Adelheid Müller-Lissner

Herber Rückschlag für einen Behandlungsweg, auf den viele Mediziner beim Kampf gegen die Parkinson-Krankheit große Hoffnungen setzen: Die Transplantation fetaler Nervenzellen ließ nicht nur den gewünschten Effekt vermissen, sondern führte zu schweren Nebenwirkungen bei einem Teil der Patienten. Das berichten Forscher aus den USA im Fachblatt "New England Journal of Medicine" (Band 344, Seite 710).

Während sie im wissenschaftlichen Artikel von Verspannungen der Muskulatur und fehlerhaften Bewegungsabläufen sprechen, äußerte sich einer der beteiligten Wissenschaftler, Paul Greene von der Columbia-Universität in New York, gegenüber der "New York Times" wesentlich deutlicher: Er sprach von "absolut verheerenden" und "albtraumartigen" Nebenwirkungen. Die Auswirkungen, die sich bei den Patienten zeigten, waren von der Art her vergleichbar mit denen, die bei zu hoher Dosierung der gängigen Anti-Parkinson-Medikamente auftreten können: Sie leiden unter Zuckungen, machen ununterbrochen Kaubewegungen, winden sich und haben Schwierigkeiten beim Sprechen. Tragischerweise gibt es jedoch keine Möglichkeit, die verpflanzten Nervenzellen auszuschalten, während man bei Arneien die Dosis reduzieren kann.

Die typischen Symptome der weit verbreiteten Nerven-Krankheit - Zittern, starre Mimik und Bewegungsarmut - gehen auf Abbauerscheinungen im Bereich der Substantia nigra des Gehirns zurück und werden meist mit der Gabe eines Vorläufers der Substanz Dopamin behandelt, die durch den Zellverlust fehlt. Mit der Zeit verlieren die Medikamente jedoch oft ihre Wirkung, weil weitere Nervenzellen zugrunde gehen. Dem Abbau ursächlich durch das Einpflanzen neuer Nervenzellen zu begegnen, leuchtet also ein. Vorreiter waren Forscher der schwedischen Universität Lund.

Für die amerikanische Studie hatten die Mediziner vom University of Colarado Health Sciences Center in Denver und von der Columbia-Universität 40 schwer erkrankte Patienten gewonnen, die nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt wurden: Die eine erhielt Nervenzellen aus Föten, die andere nur eine "Schein"-Operation, bei der zwar ebenfalls kleine Löcher in die Stirn gebohrt, aber keine Zellen gespritzt wurden. So wollte man erstmals gezielt den Beitrag der Transplantation testen.

Eine Befragung nach einem Jahr ergab jedoch kaum Unterschiede im Befinden, abgesehen von einer leichten Besserung bei den jüngeren Studienteilnehmern vor der morgendlichen Medikamenteneinnahme. Ausgerechnet bei diesen Patienten unter 60 aber zeigten sich kurz darauf die bedenklichen Veränderungen. Insgesamt waren 15 Prozent derjenigen, die Zellen erhalten hatten, davon betroffen.

Die Zellen, die in der fehlgeschlagenen amerikanischen Studie zum Einsatz kamen, wurden aus abgetriebenen Föten gewonnen. Das führte - neben der Tatsache, dass auch unwirksame "Schein"-Operationen zum Einsatz kamen - zu heftiger Kritik an den Wissenschaftlern. Wichtig ist jedoch auch: Es handelte sich dabei weder um embryonale noch um adulte, "erwachsene" Stammzellen. Eingepflanzt wurden vielmehr Vorläuferzellen aus dem Gehirn von Föten, also Zellen, die keine Alleskönner mehr sind, sondern sich schon auf das Nervensystem spezialisiert haben.

Der Neurologe und Stammzellforscher Oliver Brüstle von der Universität Bonn warnte gegenüber dem Tagesspiegel deshalb davor, aufgrund der negativen Schlagzeilen nun alle Ansätze zum Zellersatz bei Nervenleiden in einen Topf zu werfen: "Wir brauchen im Gegenteil Methoden zur Verbesserung von Zellen, die transplantiert werden sollen. Und solche Verbesserungen sind im Gegensatz zu fetalen Nervenzellen bei Stammzellen noch möglich."

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