Gesundheit : Parkplatz-Probleme

Gedränge in kleinen Fächern: 5000 statt 454 neue TU-Studenten

Juliane von Mittelstaedt

„Das ist ja hier wie bei der Bahnhofsmission“, ruft jemand ins Gedränge. „Nee, Technische Uni“, schallt es zurück. Einige hundert Studenten haben sich in den Gang vor Raum EB 226 gezwängt, wo es für die Erstsemester Kaffee und Brötchen gibt. Angehende Maschinenbauer, Gebäude-, Energie- und Verfahrenstechniker treten sich auf die Füße. Drei angehende Psychologinnen stehen etwas unsicher dazwischen und nippen an ihrem Kaffee. Mentoren quetschen sich durch die Menge, der Kaffee schwappt über.

Nicht nur das Gratis-Frühstück ist heiß begehrt am ersten Tag des Wintersemesters der Technischen Universität Berlin. „So voll war es noch nie“, seufzt Peter Kasten, der im 3. Semester Energie- und Verfahrenstechnik, kurz EVT, studiert und die Anfänger betreut. 200 Studenten haben sich in seinem Studiengang immatrikuliert, im Semester zuvor waren es nur 77. Etwa 80 anwesende Studenten hat der Mentor am ersten Tag des Semesters gezählt. Und die anderen? „Die parken“, vermutet die Mentorin Bella Hemke. Denn EVT zählt zusammen mit Werkstoffwissenschaften, Vermessungswesen, Lebensmitteltechnologie und -wissenschaft, Gebäudetechnik, den Angewandten Geowissenschaften, Bautechnik und Bauingenieurwesen zu den neun Fächern, die man in diesem Wintersemester an der TU noch ohne Numerus clausus belegen kann.

An der Freien Universität sind nur noch Japanologie und Sinologie NC-frei, an der Humboldt-Universität lediglich die landwirtschaftlichen Masterstudiengänge. Einen Ansturm auf diese Fächer habe es jedoch nicht gegeben, heißt es aus den Unis. Anders an der TU. Insgesamt 15 000 Bewerbungen sind für dieses Wintersemester bei der Hochschule eingegangen, davon etwa 5000 für diese neun bisher eher „kleinen“ Studiengänge. Im letzten Wintersemester waren es insgesamt nur 454 Studenten in diesen Fächern im ersten Semester. Eine Verzehnfachung also.

Das hat wenig mit deren plötzlicher Beliebtheit zu tun; vielmehr nutzt eine Mehrheit der Abgelehnten die NC-freien Fächer als Auffangbecken. Viele, um überhaupt immatrikuliert zu sein, viele, weil sie so schon einige Scheine im Grundstudium machen können, die sie später für ihr Wunschfach brauchen. „Ich mache hier ein paar Scheine und wechsle dann“, sagt Juliane Trautmann bei der EVT-Einführung. Eigentlich wollte sie Technischen Umweltschutz studieren.

Bei den Gebäudetechnikern hat sich die Zahl der Immatrikulierten sogar mehr als verfünffacht. 160 Studierende haben sich in den letzten Wochen für das erste Semester immatrikuliert, 31 waren es ein Jahr zuvor. Am ersten Tag sind rund 70 Erstsemester anwesend. Maria Wichmann, die zusammen mit acht Kommilitonen im 11. Semester Gebäudetechnik studiert – bislang „sehr familiär“ – und die Erstsemester berät, sagt ebenfalls: „Viele parken.“ Früher habe es vorwiegend „ernsthafte“ Interessierte gegeben, heute hätten die wenigsten das Berufsziel Gebäudetechniker. Vor allem abgelehnte Bewerber der Architektur betrachteten die Gebäudetechnik häufig als Notlösung zu ihrem Wunschfach.

Auch die erste Vorstellungsrunde ergibt: Kaum jemand hat das Fach „freiwillig“ gewählt. Die Hälfte der Studenten lacht verlegen. Martin wollte Architektur studieren, Maik eigentlich Wirtschaftsingenieur werden, Nicole Bekleidungstechnik an einer Fachhochschule studieren. „Jetzt mache ich eben Gebäudetechnik“, sagt sie leicht resigniert, „und hoffe, dass ich in ein oder zwei Semestern wechseln kann.“ Andere hoffen noch auf das Nachrückverfahren – das an der TU noch nicht abgeschlossen ist. Viele sind in der Hoffung auf einen Studienplatz bereits nach Berlin gezogen – und wollen nicht gleich wieder weg. Unter den Studenten herrscht Unsicherheit: Ob der Quereinstieg klappt? Ob sie die Scheine nicht vielleicht umsonst machen, weil sie eventuell nicht anerkannt werden?

Auch in den anderen zulassungsfreien Fächern sieht es nicht besser aus: Bei den Bauingenieuren, Geowissenschaftlern und Vermessungstechnikern haben sich die Anfängerzahlen im Vergleich zum vorigen Wintersemester verdreifacht. In den Instituten erwartet man trotzdem keine Kapazitätsprobleme: Nur die Hälfte der Erstsemester habe an den Einführungsveranstaltungen teilgenommen. Befürchtet wird jedoch eine enorme Abbrecherquote, die den Studiengang in einem schlechten Licht erscheinen lässt, wenn viele dieser „unfreiwilligen“ Gebäudetechniker nach einigen Semestern in ein anderes Fach wechseln. „Wir wissen aber noch gar nicht, was uns eigentlich erwartet“, sagt die Dozentin Birgit Müller. Den Studenten geht es genauso.

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