Gesundheit : Party, bis das Urteil kommt

Karlsruhe entscheidet über Gebühren. Die Studierenden sind gespannt, gut informiert - aber noch unentschieden

Tilmann Warnecke

Wenn heute das Bundesverfassungsgericht über das bundesweite Verbot von Studiengebühren entscheidet, haben sich die Studenten der Universität Essen-Duisburg bereits eine Nacht lang Mut angetrunken. Zu einer „Party, bis das Urteil kommt“ lädt die Studentenvertretung ein, die gestern Abend beginnen und heute Vormittag in eine Live-Übertragung der Sitzung in Karlsruhe münden soll.

Im ganzen Bundesgebiet bereiten sich Studenten auf das Urteil vor. In Bayern demonstrierten gestern die Ersten gegen Gebühren. Info-Vollversammlungen und Aktionstage direkt im Anschluss an die Urteilsverkündung finden an vielen Hochschulen statt. Die Nachwuchsorganisationen der großen Parteien haben schon Stellung bezogen. Während sich die „Jusos“ mit dem bundesweiten „Aktionsbündnis gegen Studiengebühren“ solidarisieren, fordert der „Ring Christlicher Demokratischer Studenten“ (RCDS) eine grundlegende Reform der Studienfinanzierung.

Studenten-Proteste könnten „noch größere Ausmaße“ als im letzten Jahr annehmen, falls das Verbot gekippt wird, hofft Nele Hirsch vom „Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften“, dem Dachverband der deutschen Studentenvertretungen. Hirsch ruft zu vier Großdemonstrationen am 3. Februar auf, unter anderem in Hamburg und Leipzig. „Terminlich ungünstig“ liege das Urteil, sagt dagegen Sascha Vogt vom Aktionsbündnis gegen Studiengebühren. Viele Kommilitonen lernten derzeit für Prüfungen und wären kaum zu mobilisieren.

In den Bundesländern, die in diesem oder im nächsten Jahr Gebühren einführen wollen, werde es sicher zu vehementen Protesten kommen, glaubt Vogt. In Berlin sähen die Studentenvertretungen dem Karlsruher Urteils gelassener entgegen. An der Humboldt-Uni heißt es, die Berliner seien schließlich „nicht unmittelbar betroffen“. Der Koalitionsvertrag von SPD und PDS sieht vor, bis zum Jahr 2006 keine Gebühren einzuführen. Der Asta der Freien Universität ruft morgen trotzdem zu einer Versammlung auf.

Ob die Studierenden mehrheitlich für oder gegen Gebühren sind, bleibt indes unklar. Bei einer Umfrage des Asta der Uni Hannover lehnten kürzlich gut 90 Prozent der Befragten Gebühren ab. Ein Projekttutorium an der Humboldt-Universität ermittelte dagegen im vergangenen Jahr, dass sich eine Mehrheit mit einem der Gebührenmodelle anfreunden könnte, darunter viele aus einkommensschwachen Schichten. Spricht man mit Studenten über das Thema, scheint nur eines sicher: Über die Vor- und Nachteile von Studiengebühren, über verschiedene Modelle zur Studienfinanzierung und über mögliche Folgen für Hochschulen zeigen sie sich gut informiert.

Konkurrenz

Constantin Reitzenstein , 22, studiert VWL an der Humboldt-Uni:

Studiengebühren könnten sehr motivierend wirken. Für die Studenten, um richtig zu studieren. Für die Unis, um bessere Bedingungen für ihre Studenten zu schaffen. Dann würde nämlich mehr Konkurrenz unter den Unis herrschen. An der Qualität der Betreuung hapert es jetzt doch sehr. Es gibt zu wenig Platz in den Seminaren und Bibliotheken, die Dozenten haben zu wenig Zeit. Man müsste die Gebühren aber vom späteren Einkommen abhängig machen, so dass die in einer guten Stelle mehr zurückzahlen und die, denen es schlecht geht, zahlen weniger. Es darf niemand wegen der Gebühren auf der Straße landen. Ich selber könnte mir Gebühren im Moment nicht leisten. Ich könnte mir aber vorstellen, dass meine Eltern mir dabei helfen. Oder dass ich einen Kredit dafür aufnehme.

Milieu

Mara Neele Künkel, 20, studiert Jura an der Humboldt-Uni:

Bildung ist ein öffentliches Gut und keine Ware. Deswegen bin ich gegen Studiengebühren. Es haben genug Studien bewiesen, dass in Deutschland der Bildungsstandard stark von dem der Eltern abhängt. Gebühren führen nur dazu, dass noch weniger Leute aus bildungsfernen Schichten studieren. Klar, die öffentlichen Kassen sind leer. Dann sollte man aber besser die Steuern erhöhen, um Hochschulen und Schulen zu finanzieren. Dass das Geld aus Gebühren den Unis zugute kommen wird, glaube ich sowieso nicht. Schon die Erfahrungen mit Langzeitstudiengebühren zeigen, dass die nur für das Stopfen von Haushaltslöchern benutzt werden. Ob ich mir Studiengebühren leisten könnte? Ja, das ginge. Und ich würde auch weiterstudieren, wenn sie eingeführt werden.

Gerechtigkeit

Karina Jung, 27, studiert Anglistik und Philosophie an der HU:

Mit Studiengebühren könnten Leute wie ich gar nicht mehr studieren. Meine Mutter ist Laborantin, mein Vater arbeitslos. Die können mein Studium jetzt schon nicht finanzieren. Mein Bafög macht ungefähr 400 Euro aus. Wenn ich davon noch Studiengebühren bezahlen müsste, dann weiß ich nicht, wie da noch Geld fürs Leben übrig bleiben soll. Und einen Kredit für Gebühren aufnehmen? Politiker sagen das immer so leicht. Wenn man wie ich aus einem Milieu kommt, wo Geldknappheit, immer ein Thema ist, hat man einfach Angst davor. Ich kann mir nicht vorstellen, hochverschuldet aus dem Studium zu gehen. Wenn Gebühren eingeführt werden, hätte das eine einfache Folge: Akademikereltern produzieren Akademikerkinder. Das ist nicht meine Vorstellung von Gleichheit.

Strenge

Ulrike R., 21, studiert Anglistik und Spanisch an der Humboldt-Uni:

Gebühren gleich vom ersten Semester an lehne ich ab. Dafür sollten die Regelungen bei den Langzeit- und den Zweitstudiengebühren verschärft werden. Viele sind doch nur noch eingeschrieben, weil sie die Vergünstigungen behalten wollen. Das Semesterticket ist viel billiger als eine normale BVG-Karte. Deswegen sollte man auch schärfer kontrollieren, wer Scheine macht. Wer keine Kurse belegt, müsste viel zahlen oder rausfliegen. Die nehmen nämlich nur den Leuten die Plätze weg, die gerne studieren würden, aber viele Wartesemester haben. 500 Euro Studiengebühren für alle halte ich auch deswegen für bedenklich, weil viele dann in finanzielle Schwierigkeiten kommen. Es gibt einige, die bekommen ganz knapp kein Bafög. Deren Eltern können trotzdem nichts zum Studium beisteuern. an der Freien Universität:

Qualität

Michael Bartnik, 25, studiert Publizistik an der Freien Universität

Wenn wir ein gerechtes Modell wie in Schweden bekommen, bin ich für Gebühren. Dort zahlt man nach seinem Studium einen geringen Prozentsatz des Einkommens an die Uni zurück. Die Hochschulen sind so gezwungen, mehr zum Dienstleistungsunternehmen zu werden. Ich habe vor kurzem Freunde in Schweden besucht, die dort ein Auslandssemester machen. Die sind total begeistert. Die Bibliotheken haben immer offen. Im Studentenwohnheim gibt es in jedem Zimmer einen Internetanschluss. Man sieht schon an den Universitätsgebäuden, dass dort Geld dahinter steht. So wie die Studienbedingungen bei uns sind, möchte ich eigentlich keine Gebühren dafür zahlen.

Aufgezeichnet von Tilmann Warnecke; Fotos: Nils Füssel

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben