Gesundheit : Patienten ohne Papiere

Die Ethnologin Susann Huschke hat untersucht, was Kranksein für Menschen in der Illegalität bedeutet.

Nicole Körkel
Leben in einer Parallelwelt: Wer keine Papiere hat, lebt in einer Situation, die geprägt ist von Unsicherheit. Auch Kinder von Migranten ohne Aufenthaltsstatus sind davon betroffen. Fehlende Dokumente bestimmen ihr Leben stets mit – auch bei medizinischen Notfällen. Foto: Tillmann Engel
Leben in einer Parallelwelt: Wer keine Papiere hat, lebt in einer Situation, die geprägt ist von Unsicherheit. Auch Kinder von...

Wer krank ist, geht zum Arzt. Was aber machen Migranten, die in Deutschland weder eine Aufenthaltserlaubnis noch eine Krankenversicherung haben, wenn sie einen Arzt brauchen? Susann Huschke von der Freien Universität Berlin hat in einer medizinethnologischen Studie die Situation von illegal in Berlin lebenden Lateinamerikanerinnen untersucht.

Luz kam 2006 mit ihrem damals zweijährigen Sohn Federico aus Bolivien nach Berlin – ihre Schwester ist hier verheiratet und bat sie, ihr im Haushalt und mit den Kindern zu helfen. Berlin kannte die 35-Jährige: Zehn Jahre zuvor hatte sie in Russland Ingenieurswesen studiert und während der Semesterferien als Straßenverkäuferin an der Spree gejobbt. Hier wollte sie neu anfangen und ihrem Sohn ein besseres Leben bieten. Dann bekam sie Streit mit der Schwester, Luz zog aus und sorgt seither allein für sich und Federico.

Auch die Ökonomin Ramira folgte einer Einladung nach Berlin. Ihr deutscher Freund entpuppte sich allerdings als gewalttätiger Alkoholiker. Die Kubanerin verließ ihn und lebt heute allein.

Luz und Ramira gehören zu den vielen Migranten ohne Aufenthaltsstatus in Berlin. Auf dem Papier gibt es sie nicht, ihre Zahl wird jedoch bundesweit auf mehrere Hunderttausend geschätzt. Die meisten leben in Großstädten.

Wie Luz und Ramona finden viele Arbeit in der Gastronomie oder in Privathaushalten – unangemeldet: Zwar benötigen Bürger der meisten lateinamerikanischen Staaten für einen Besuch in Deutschland kein Visum, der Zugang zum Arbeitsmarkt ist aber an einen Aufenthaltsstatus gekoppelt. Wer länger als 90 Tage pro Halbjahr bleiben oder hier arbeiten möchte, braucht ein Visum, und das muss vor der Einreise beantragt werden. Nicht-EU-Bürger erhalten nur in wenigen Ausnahmefällen eine Arbeitsgenehmigung – renommierte Wissenschaftler etwa oder international anerkannte Sportler –, Besuchsvisa werden in der Regel nicht verlängert.

Wer schon einmal hier ist und nicht zurück will oder kann, gilt ohne entsprechende Papiere nach dem Aufenthaltsgesetz als illegal. Für die meisten südamerikanischen Staaten greift auch das Asylrecht nicht, ihre Bürger gelten nicht als politisch verfolgt. Geflüchtet sind dennoch viele – vor einem Leben, das ihnen wenig Aufstiegschancen bietet. Ohne Papiere aber sind sie hier selbst mit eigenem Einkommen abhängig von der Gunst anderer und leben in ständiger Unsicherheit, von Nachbarn, Arbeitgebern oder nach einem Streit mit Freunden denunziert und abgeschoben zu werden.

Besonders prekär wird es für sie, wenn sie einen Arzt brauchen. Luz etwa leidet unter Lupus, einer chronischen Erkrankung, die Entzündungen im ganzen Körper hervorruft. Ramira kämpft mit schweren Depressionen. Bei einer Größe von 1,50 m wog sie zwischenzeitlich nur noch 30 Kilogramm.

Was Kranksein in der Illegalität bedeutet, hat Susann Huschke im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Institut für Ethnologie der Freien Universität untersucht. Die Wissenschaftlerin, die unter anderem in Ecuador gearbeitet hat und fließend Spanisch spricht, hat dabei speziell die Situation von Migrantinnen und Migranten aus Lateinamerika beleuchtet. Luz und Ramira zählen zu den zwölf Frauen und acht Männern aus Chile, Bolivien, Kolumbien, Kuba, Peru, Uruguay und Venezuela, die die Wissenschaftlerin während ihrer Datenerhebung zwischen 2008 und 2010 begleitet hat: „Ich wollte über einen längeren Zeitraum intensiv am Alltag meiner Gesprächspartner teilnehmen, um deren jeweilige Lebenssituation verstehen und beschreiben zu können.“

Grundlage für die medizinethnologische Untersuchung war es, das Vertrauen der Migranten zu erwerben. Schließlich gewähren Menschen, die in Unsicherheit leben, nicht leichtfertig Einblick in ihren Alltag oder ihre persönliche Geschichte.

Verglichen mit anderen Migrantengruppen fällt der hohe Bildungsstand der Lateinamerikaner auf, vor allem unter Frauen, sagt Susann Huschke: „Akademikerinnen verdienen als Babysitterinnen oder Haushaltshilfen bei uns mehr als in ihrem erlernten Beruf in der Heimat. Der Statusverlust in Deutschland nagt am Selbstbewusstsein, aber dafür werten sie ihren sozialen Status zu Hause auf, indem sie ihre Familie finanziell unterstützen.“

Es ist ein Teufelskreis, dessen Ursprung die Ethnologin auch in globalen Ungleichheiten sieht. „Wer erst einmal illegal lebt, findet nur schwer den Weg wieder heraus. Außer einer Heirat oder einem gemeinsamen Kind mit Deutschen gibt es so gut wie keine Legalisierungsmöglichkeiten“, sagt die Wissenschaftlerin. Das könne krank machen – „Kranksein aber kann sich keiner leisten.“ Kontakte zu Landsleuten in Berlin oder zu religiösen Vereinigungen seien häufig entscheidend, sagt Huschke: „Im Ernstfall hängt das Überleben von sozialen Kontakten ab.“

Wer sich in der Illegalität bewege, warte im Krankheitsfall so lange wie möglich ab und meide Arztpraxen, denn dort müsse ja die Chipkarte einer Krankenkasse vorgelegt werden. Im Notfall müssen Krankenhäuser jeden Patienten aufnehmen – mit oder ohne Papiere, erläutert Susann Huschke. Eine Alternative zur Arztpraxis sind neben kirchlichen Einrichtungen die sogenannten Medibüros. Hier werden Ärztinnen und Ärzte vermittelt, die auch Patienten ohne Krankenversicherung behandeln. Rund 30 solcher Anlaufstellen gibt es inzwischen bundesweit, eine ist das Berliner „Büro für medizinische Flüchtlingshilfe“ in Kreuzberg. Seit 2008 arbeitet Susann Huschke hier unentgeltlich.

Ein Problem für die Migranten seien die oft wenig praktikablen deutschen Vorschriften: „Laut Asylbewerberleistungsgesetz hat hier jeder Anspruch auf eine Gesundheitsversorgung – auch diejenigen ohne Aufenthaltsstatus“, sagt Susann Huschke. Hierfür muss ein Krankenschein vorgelegt werden, den die Patienten beim Sozialamt abholen müssen. Eine heikle Angelegenheit, denn wer sich einen solchen Krankenschein holt und ohne Aufenthaltstitel ist, muss damit rechnen, sofort der zuständigen Ausländerbehörde gemeldet zu werden – hierzu sind die Behörden laut Aufenthaltsgesetz verpflichtet. Fazit: Wer nicht abgeschoben werden will, holt sich auch keinen Krankenschein.

„Diese Übermittlungspflicht der Behörden ist europaweit einmalig und müsste ebenso abgeschafft werden wie bürokratische Hürden, damit Migranten ihren Rechtsanspruch auf eine Basisversorgung geltend machen können“, sagt die Wissenschaftlerin, „Gesundheit ist ein Menschenrecht.“

Zweimal pro Woche hat das Medibüro in Kreuzberg geöffnet, doch das deckt längst nicht den Bedarf. Die Kommunen stehen deshalb unter Druck. Im Jahr 2010 richtete die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales den „Runden Tisch zur gesundheitlichen Versorgung von Migranten in besonderen Notlagen“ ein, dem Susann Huschke als Vertreterin des Medibüros seit 2011 angehört.

Mit ihrer Forschung und der politischen Arbeit will Susann Huschke sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam machen. Sie setzt sich ein für Fortbildungen im Gesundheitswesen und in Behörden. Gehör findet sie vor allem, wenn sie die Geschichten von Patientinnen erzählt. Geschichten, wie die von Luz und Ramira.

Susann Huschkes Dissertation „Kranksein in der Illegalität. Undokumentierte Lateinamerikaner/-innen in Berlin“ erscheint im Mai 2013 im Transkript Verlag.

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