Patientensicherheit : Null Fehler sind utopisch

Bei immer höheren Anforderungen an Medizin können unerwünschte Ereignisse in Diagnostik und Therapie nicht komplett vermieden werden. Wie Kliniken aus Fehlern lernen.

Hans-Joachim Meyer

Auch bei sich stetig verdichtenden Versorgungsprozessen und zunehmendem ökonomischen Einfluss in der Medizin hat der Leitsatz, dass Ärzte den Patienten zu allererst keinen Schaden zufügen sollen, oberste Priorität. Bei immer höheren Anforderungen können aber trotz angestrebtem Perfektionismus unerwünschte Ereignisse nicht komplett vermieden werden. Eine „Null-Fehler“-Forderung in Diagnostik und Therapie ist also utopisch.

Die hierzu vorliegenden Studien zeigen, dass bei fünf bis zehn Prozent der Krankenhausbehandlungen unerwünschte Ereignisse auftreten können, die eher auf der Behandlung als auf der Erkrankung selbst beruhen und wiederum auf Organisations- oder Abstimmungsdefizite zurückzuführen sind. Bei diesem Kenntnisstand steht beim Fehlermanagement in den Kliniken nicht mehr die Frage nach dem primär möglichen Verursacher, also der Personenbezug, im Vordergrund, sondern vielmehr ein systembezogener Ansatz, der vor allem die Organisationsstrukturen bei den verschiedenen Prozessabläufen systematisch erfasst und dann analysiert.

Ziel ist eine Fehlerprävention und damit direkte Steigerung der Patientensicherheit. Als Fehlermanagementinstrument steht in den meisten Kliniken mittlerweile ein computerunterstütztes CIRS (Critical Incident Reporting System) zur Verfügung, in das unerwünschte Ereignisse oder „Beinahe-Zwischenfälle“ dokumentiert werden können.

Eine Checklist hilft, Eingriffsverwechslung zu vermeiden

Voraussetzung zur effektiven Anwendung eines solchen Systems ist allerdings ein offener, konstruktiver und vorurteilsfreier Umgang mit diesen Ereignissen, nur dann kann eine Risikoinformation objektiv generiert werden. Klinikintern haben sich auch die sogenannten M&M- Konferenzen – Besprechung von Komplikationen und Sterblichkeit – als sinnvoll erwiesen, um etwaige Fehler offen zu diskutieren und abzustellen.

Zudem ist bereits im Jahr 2005 mit dem Ziel einer größtmöglichen Patientensicherheit das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) eingerichtet worden, in das sich auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie in Kooperation mit ihrer chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Qualität und Sicherheit (CAQS) frühzeitig aktiv eingebracht hat. Verschiedenste Empfehlungen wurden dabei erarbeitet und im klinischen Alltag umgesetzt; etwa die „Surgical Safety Checklist“ der Weltgesundheitsorganisation zur Vermeidung von Patienten- oder Eingriffsverwechslung mit jeweiliger Überprüfung und Dokumentation vor Beginn des operatriven Eingriffs, Vorgaben zu hygienischen Maßnahmen oder die Broschüre „Aus Fehlern lernen“.

Insgesamt ist die alleinige Auflistung von etwaigen Komplikationen in der Medizin, wie von manchen Kostenträgern gern praktiziert und von verschiedensten Medien mit entsprechen Negativzeilen in den öffentlichen Fokus gestellt, wenig weiterführend. Viel sinnvoller ist eine konsequente Darstellung der Ursachenanalyse von unerwünschten Ereignissen und Fehlern, um solche zielgerichtet und effektiv auf ein realistisches Minimum senken zu können.
Der Autor ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

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