Gesundheit : Pauken im akademischen Hotel

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Von Anja Kühne

Ein prunkvoller Theatersaal voller neobarocker Schnörkel. Dunkelblau schimmern 181 Talare vor einem roten Samtvorhang, von den Doktorhüten schwingen die Troddel. Dann, aufs Kommando, werfen die frisch Diplomierten ihre Hüte unter lautem Jubel in die Luft. Blitzlichter zucken, kräftiger Applaus brandet im Parkett und auf den Rängen auf, das Publikum im Wiesbadener Staatstheater erhebt sich respektvoll. Die Absolventen der privaten European Business School Schloss Reichartshausen (ebs) im hessischen Oestrich-Winkel sind Stars ihrer Hochschule und ihrer Familien. Nach all den Anstrengungen ist man sich eine große Zeremonie mit Sekt und Blumen schuldig. Erst recht, da jeder für sein Studium 38 000 Euro gezahlt hat.

Was treibt jemanden dazu, für ein Semester 4 750 Euro auszugeben? Aus Sicht ihrer Studenten ist die private ebs eine Schönheit unter lauter hässlichen staatlichen Geschwistern. Wer eine knackige Ausbildung für die Praxis will, bekommt sie an der ebs und das auch noch in einem Ambiente, das an ein Luxus-Hotel erinnert. Ein akademisches Hotel mit einem kleinen Makel allerdings: Zuletzt fand die ebs im „Stern“ Erwähnung, als dieser den Spuren Rudolf Scharpings und seines PR-Beraters Hunzinger folgte. Scharping hielt seit dem Wintersemester 1999 Ringvorlesungen an der ebs, kurz zuvor hatte Hunzinger der Hochschule 50 000 Mark gespendet – aber nicht zur Vermittlung Scharpings, wie er sagt.

Undurchsichtige Finanzen

Scharping ist nicht der erste Politiker, dessen lädiertes Image einen Schatten auf die ebs wirft. Als der Aktenkoffer des ehemaligen ebs-Präsidenten Walther Leisler Kiep im CDU-Spendenskandal ins Gerede kam, wollten um den Ruf der Hochschule besorgte Anrufer wissen, ob der neue Hörsaalkomplex der ebs wirklich weiter „Kiep Center“ heißen solle. Abgesehen davon hat der Stifterverband in einem Leistungsvergleich deutscher privater Hochschulen unlängst kritisiert, die finanzielle Struktur der ebs sei nicht durchsichtig.

Die Studenten der ebs nehmen es mit Gelassenheit. In nur acht Semestern werden sie zu Diplom-Kaufleuten geschmiedet, die sich auf dem Arbeitsmarkt auch noch einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Wie das geht? Zu ihrer ersten Vorlesung müssen sie häufig schon um sieben Uhr antreten. Bis um 17 Uhr lernen sie etwas über die „Grundlagen des Internationalen Managements" oder über „Internationale Faktorwanderungen" – in Kleingruppen und nicht in überfüllten Seminaren. Außerdem pauken sie sich durch Intensivkurse in Englisch, Französisch oder Spanisch. Eine Fremdsprache „verhandlungssicher" zu beherrschen ist für alle Pflicht, die im Grundstudium Wirtschaftsinformatik wählen, alle anderen lernen zwei Fremdsprachen. 60 Klausuren sind bis zum Ende des Studiums zu bestehen. Nicht mal Zeit zum Jobben bleibt den ebs-lern (die sich äppsler aussprechen), geschweige denn, um aus dem Studium eine Phase des Experimentierens zu machen, in der man schon mal ein Seminar schwänzen kann.

Die ebs-ler finden ihre Freiheiten in dem Studienjahr im Ausland, das für alle vorgeschrieben ist, irgendwo zwischen Finnland und Argentinien. „Außerdem sind wir schnell genug fertig, um uns später noch woanders umzuschauen", sagt der Student Sven Kleinknecht. Wenn er auf der Diplomfeier seinen Doktorhut in die Luft werfen wird, ist er erst 24 Jahre alt. Fünf Jahre jünger, als der durchschnittliche Absolvent in Deutschland. Nur sieben Prozent brechen das Studium an der ebs ab.

Die ebs sorgt mit ihrem Rundum-Wohlfühl-Service bestens für ihre Gäste. Regelmäßig bringt sie ihre Studenten auf Bewerberseminaren oder Wirtschaftssymposien in Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern. Wer sich allzu gestresst fühlt oder doch einmal von Zweifeln über die Lebensplanung beschlichen wird, kann sein Herz bei einem persönlichen Coach ausschütten.

Sven Kleinknecht hatte der kostenlosen staatlichen Universität Darmstadt einen Besuch abgestattet, bevor er sich für die ebs entschied: „Ich wollte nicht in einem Betonbunker studieren", sagt er. Der erste Eindruck von der ebs ist ein anderer. Steigt der ebs-Novize im Dorfbahnhof Hattenheim aus dem Zug, steht er nach ein paar Schritten auf einer wenig befahrenen Landstraße. Beim Blick über die alte Steinmauer daneben kann dem Großstädter das Herz aufgehen. Er sieht den Rhein mit seinen Auen, liebliche Hügel und im Vordergrund ein Meer von Weinstöcken. Aus ihrer Mitte ragt ein verwunschener Turm, den Romantiker vor 200 Jahren aus Begeisterung fürs Mittelalter bauten, daneben liegt ein altes Herrenhaus - das Schloss Reichartshausen.

Wer im Schloss studiert, ist ein Kunde. Unbeliebte Dozenten müssen sich verabschieden. Die Kommilitonen winken einem Professor zu, der durch den Garten strebt. Sie schulden ihm einen Kasten Bier. Vor einem Jahr hat er mit ihnen darum gewettet, dass die Studenten schon im nächsten Sommer auf ihrem langersehnten neuen Parkplatz parken werden. Tatsächlich hat die Hochschule schnell reagiert, der Parkplatz ist da. Obwohl die Studenten viel mitreden können, gefällt den Dozenten die ebs, sagt deren Rektor, der Amerikaner James A. Pope. „Sie treffen auf hochmotivierte Gruppen. Außerdem sind die Entscheidungswege kürzer als an staatlichen Hochschulen." Dass die Hochschule im renommierten CHE-Ranking in der Forschung schlecht abschnitt, scheint niemanden wirklich zu stören. Vielleicht auch, weil die Hochschule inzwischen das Habilitationsrecht vom Staat bekommen hat. Schon beim nächsten Ranking könnte die ebs also besser abschneiden, meinen viele.

Die Fremdsprachen, das Auslandsjahr, die vielen Praktika, das junge Alter - für einen Berufseinsteiger sind das die wichtigsten Trümpfe. Der Student Christian Funke hat deshalb ein zinsloses Darlehen von 45 000 Euro aufgenommen, um an der ebs studieren zu können. Seine selbstständigen Eltern - der Vater hat einen Modegroßhandel, die Mutter eine Vermietungsgesellschaft - konnten ihm das Studium nicht bezahlen. Schlaflose Nächte hat er wegen seiner Schulden nicht: „Es wird sich lohnen."

Dicke Gehälter

Die Hochschule wirbt damit, dass ihre Absolventen durchschnittliche Einstiegsgehälter von 45 000 Euro verdienen. Und damit, dass jeder Absolvent die ebs mit zwei oder drei Angeboten aus der Wirtschaft verlässt. Die meisten Studenten werden von den Eltern finanziert, oft Akademiker, die ein mittelständisches Unternehmen leiten. Auch der Sohn von Ex-Telekom-Chef Ron Sommer ist unter den Studenten. „Was kann man seinen Kindern Besseres fürs Leben mitgeben als eine gute Ausbildung?", fragt ein Vater auf der Diplomfeier.

Die Schnösel vom Schloss? Einige Kommilitonen fahren mit dicken Autos auf dem vornehm knirschenden Kiesweg vor. Manche protzen auch mit ihrem Wohlstand, erzählt Christian Funke. Anders als viele andere Studenten wohnt er nicht in einer der 500-Euro-Mansarden in Oestrich-Winkel, sondern im Studentenwohnheim Giesenheim, das zur Fachhochschule Wiesbaden gehört, „direkt neben Sozialwohnungen", wie er grinsend sagt. Trotzdem fühlt er sich an der ebs wohl. „Wer angibt, wird sofort sozial geächtet", sagt er. Jeder Student sammelt „Sozialpunkte", die für vorbildliches Engagement vergeben werden. Wer die meisten Sozialpunkte sammelt, wird damit belohnt, sich den Zielort seines Auslandsstudiums frei wählen zu können. Die ebs sagt, sie will keine Ellenbogenmentalität. In ausführlichen Bewerbergesprächen versucht die Hochschule herauszufinden, wer zu ihr passt. Nur jeder dritte Bewerber hat Erfolg.

An der ebs kennt jeder jeden. Die Studenten begegnen sich in Oestrich-Winkel beim Einkaufen im „Minimal"-Markt, den sie „ebsimal" nennen. Das Restaurant „Bartholomé" hat bereits einen Burger nach einem ehemaligen Schüler benannt, der besonders häufig vorbeikam: „von-Moltke-Burger." Ablenkungen gibt es keine. Der touristische Höhepunkt des Dorfes, in dem viele „Fremdenzimmer" vermietet werden, ist die Bartholomé-Kirche und ein Rathaus aus dem 16. Jahrhundert mit einem gemalten Ritter an der Front. Manchmal feten die Studenten auf ihren Zimmern, bis die einheimischen Nachbarn, meist alte Leute, über „die ebs-ler" meckern. Zur Diplomfeier sponserte „Red Bull" einen Wagen mit Lautsprechern, erzählen die Studenten. Sie kommen oft auf die ausschweifende Partykultur an der ebs zu sprechen. Das Leben an der Wirtschaftshochschule erinnert an eine Klassenfahrt.

Auch das ist der Kitt, der die ebs-ler zu einer gut vernetzten Familie zusammenschweißt, die sich in den Wechselfällen des Berufslebens beisteht. Die Herzen der ebs-ler schlagen im Gleichtakt. Sie bekennen sich zu Leistungsfreude und zu ihrem Ziel: dem wirtschaftlichen Erfolg. Wie dieser zu erreichen ist, erklärt ein dynamisch gestikulierender Absolvent seinen frisch diplomierten Kommilitonen auf der Abschlussfeier. „Die drei Geheimnisse des Erfolges", an die alle ihr Leben lang denken sollen, sind: „das Streben nach Exzellenz, die Lust an der Arbeit und der Glaube an uns selbst", ruft er von der Bühne. Zwei Ehemalige wünschen den frisch diplomierten Kaufleuten für die Zukunft „das Gehalt von Fußballprofis". Möglich, dass das dem einen oder dem anderen eines Tages gelingt.

Mehr zum Thema im Internet:

www.ebs.de

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