Gesundheit : Peenemünde: Raketen-Tourismus

Roland Berg

Selbst wer Peenemünde nicht kennt, kennt seinen Mythos: Entwicklungssort von Hitlers "Wunderwaffen", Wiege der Raumfahrt und Wirkungsstätte des Raketenpioniers Werner von Braun. So lauten die Schlagworte für das Areal am nördlichen Ende der Ferieninsel Usedom. Für den Bürgermeister der 350 Seelengemeinde sieht die Realität anders aus. Nach dem Wegfall der militärischen Nachnutzung der 1936 eingerichteten Versuchsanstalt für Waffensysteme mit Rückstoßprinzip durch die Nationale Volksarmee der DDR gibt es am Ort so gut wie keine Arbeitsplätze mehr. Zu DDR-Zeiten waren es immerhin 4000.

Größter Arbeitgeber mit rund 50 Mitarbeitern ist heute das Historisch-technische Informationszentrum (HTI) im ehemaligen Kraftwerk, das als Energielieferant für die zahlreichen Anlagen zur Raketenproduktion 1942 fertiggestellt wurde. Das HTI ist heute Museum. Gegenwärtig zeigt es die Entwicklung Peenemündes bis 1945. 12 000 Mann arbeiteten damals an der Entwicklung der "Vergeltungswaffen" V1 und V2. Ein zweiter Teil der Schau zur Geschichte des Ortes nach dem Krieg ist geplant.

Den Backsteinbau mit allerlei ausgemustertem NVA-Fluggerät vor der Tür, einem DDR-Kriegschiff im angrenzenden Hafenbecken und dem Nachbau der V2 im Vorgarten besuchen inzwischen 350 000 Besucher im Jahr. Peenemünde lebt von seinem Mythos. Doch es könnte besser laufen. Noch ist ein Großteil des 25 Quadratkilometer großen Areals Sperrgebiet wie ehedem. Die munitionsverseuchte Militärbrache wird derzeit vom Bundesvermögensamt zum Kauf angeboten. Interessenten gibt es keine.

Statt dessen holt sich die Natur das Gelände zurück. Zeugnisse aus der Nazi-Zeit sind ohnehin bis auf rudimentäre Reste so gut wie verschwunden. Die Russen haben erst demontiert und dann gesprengt. Nur die Sauerstoffverflüssigungsfabrik für denTreibstoff der Raketen erwies sich als zu stabil. In den Bombenkratern und Betonbrocken der ehemaligen Versuchsstände für die V2 hingegen haben sich Biotope entwickelt. Der Flugplatz wird weiter zivil genutzt und als besondere Attraktion hat ein Privatmann ein russisches U-Boot zur Besichtigung im Hafen vertäut. Zum Neid vieler Peenemünder, die sehen, wie man mit einer guten Idee einige hunderttausend Mark Eintrittsgelder im Jahr erwirtschaften kann. Ansonsten regiert Wildwuchs in Peenemünde: Imbiss und Souvenirbuden am Hafen.

Was soll mit Peenemünde geschehen? Die Frage suchten 60 Studenten der Fakultät "Architektur, Umwelt, Gesellschaft" der TU Berlin mit eigenen Vorschlägen zu beantworten. In der fußballfeldgroßen, stillgelegten Turbinenhalle des Kraftwerks sind ihre Entwürfe jetzt zu sehen. Drei historische Schichten galt es bei den Planungen zu berücksichtigen: das einstige Fischerdorf, die NS- und die NVA-Zeit. Drei zukünftige Nutzungsebenen sollten nicht miteinander kollidieren: Naturerlebnis, Gedenken und Tourismus. Peenemünde als "Erfahrung gegen das Vergessen nutzbar zu machen", das will auch das Land Mecklenburg-Vorpommern, wie Bernhard Hoppe vom Kultusministerium erklärte. Schließlich war die Rakete nicht nur eine Vernichtungswaffe, sondern eine Waffe, bei deren Produktion mehr Menschen starben als bei ihrem Einsatz - wenn auch in Nordhausen am Harz, wohin die Serienfertigung der Rakete nach alliierten Bombardements auf Peenemünde im Jahr 1943 verlegt wurde. In unterirdischen Stollen starben hier 20 000 Menschen.

Unter den studentischen Plänen gibt es erstaunlicherweise dennoch kaum Ansätze, das Gedenken an die Opfer zu thematisieren. Ausnahme ist die Idee, große skulptur-ähnliche Elemente im Meer zu plazieren, und zwar in Verlängerung der ehemaligen Startrampe für die Flügelbombe V1. Für die touristische Entwicklung dagegen sind die Einfälle um so zahlreicher: Ein kilometerlanges Schwimmbecken anstelle der heutigen Startbahn des Flugplatzes mit seitlich modellierter Erlebnislandschaft zum Baden und Spielen im Sommer und als Eis- und Rodelbahn im Winter gibt es unter den ausgestellten Modellen zu bestaunen. Eine anderer Vorschlag will eine Gondelbahn über das Gelände schweben lassen. Den ehemaligen Kriegshafen als Mittelpunkt des Ortes mit Fähranschluss zum Festland, Bahnhof, Promenade - so stellen sich einige Studenten das neue Zentrum von Peenemünde vor. Dazu sollen eine gläserne Schauwerft und ein Technologiepark kommen.

Um die praktische Umsetzung, Investoren und Finanzierung brauchten sich die Studenten keine Gedanken zu machen. Dennoch fielen die meisten Entwürfe ausgesprochen realistisch aus.

Bleibt es beim bisherigen Stand der Dinge, nähert sich das eingezäunte Sperrgebiet tatsächlich jener verbotenen Zone an, die man aus Tarkowskis Film "Stalker" kennt. Daran wird auch der vom HTI geplante Rundweg durch die "Denkmallandschaft" nur wenig ändern. Anregung, die Potenziale Peenemündes zu entwickeln, liefert die TU-Ausstellung jetzt jedenfalls reichlich.

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