Gesundheit : "Pelléas et Mélisande": Liebe mit totenbleichem Ende - Studierende wagen sich mit zwei Klavieren an Debussys Oper

Cordula Däuper

"Was assoziierst du, wenn du das Kostüm siehst?" - "Ehrlich gesagt: Papagena." Dann muss es wohl noch geändert werden. Denn hier wird Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" vorbereitet. Die Endproben haben begonnen: Das Werk wird im Gesamtdurchlauf gespielt, die Kostüme fertiggestellt und letzte Details geklärt: Soll Mélisandes Kostüm für den fünften Akt nun mit Stoffapplikationen im Look der Vogelfängerbraut gestaltet werden, oder nicht? Absolventen der Berliner Kunsthochschulen haben sich in diesem Sommer einer großen Herausforderung gestellt: Unbescheiden wählten Jörn Weisbrodt (Regie) und Yashi Kipp (Ausstattung) für ihre Abschlussarbeit eine Oper aus dem Repertoire der großen Häuser.

Claude Debussys impressionistisches Werk "Pelléas et Mélisande" dauert drei Stunden und ist für großes Orchester komponiert. Aber im maroden Theaterprobenhaus Mitte stehen nur zwei Klaviere bereit. Und bei diesem Instrumentarium wird es bleiben. Die beiden Pianisten Frank Gutschmidt und Hans Sotin haben einen Klavierauszug für zwei Klaviere selbst umgearbeitet, um möglichst nahe an Debussys Originalmusik klanglich heranzureichen. Und wenn man vorerst skeptisch ist in der Vorstellung, Debussys musikalischen Farbenreichtum auf die Möglichkeiten von 174 Klaviertasten reduziert zu hören, so ist das Ergebnis erfreulich. Gefühlvoll und sensibel bereiten die beiden Pianisten den Sängern ein klangintensives Fundament und bilden mit dem gesangsstarken Team - allen voran Barbara Ehwald, Erik Werner und Stefan Glunz in den Hauptrollen - eine wirkungsvolle musikalische Leistung.

Die erste Hürde ist genommen: Der größte personelle Aufwand - nämlich eine komplette Orchesterbesetzung zu organisieren - abgewendet und die Suche nach einem Aufführungort mit großem Orchestergraben dementsprechend geschickt umgangen. Sonst wäre sicher das Thester am Halleschen Ufer als Spielstätte mit seiner ebenerdigen Bühnenfläche nie in Frage gekommen. Doch jetzt hat Ausstatterin Kipp das Bühnenbild den Gegebenheiten des Theaters am Halleschen Ufer bestens ausgepasst.

Was auf dem Boden des Probenraums bisher nur abgeklebt angedeutet ist, sollen im Theater Eisbrocken sein, die spiralförmig ausgelegt werden und somit einen Weg markieren. Das erinnert an einen Irrgarten, in dem sich die Darsteller bisher schauspielerisch noch etwas unsicher bewegen. Aber die szenischen Ideen und die Personenführung der Regie werden schon deutlich: Langsame Bewegungsabläufe mit deutlicher Zeichensetzung tragen die Inszenierung im fast leeren Raum. Der dichte Wald, in dem sich Mélisande und Golaud treffen, wird nur durch Armbewegungen der Darsteller angedeutet: Sie rudern, als ob sie sich durchs Dickicht kämpfen. Und - soviel wird schon verraten - das Eis auf dem Bühnenboden wird bis gegen Ende der Oper geschmolzen und in eine spiegelnde Wasseroberfläche verwandelt sein.

Yashi Kipp beendet mit dieser Arbeit ihr Studium "Bühnenkostüm" an der Hochschule der Künste und Weisbrodt macht sein Opernregie-Diplom an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler". Auch die anderen Beteiligten stammen von beiden Hochschulen - ein institutionsüberreifendes Projekt, das in der Organisation und Finanzierung allerdings nur geringe Unterstützung der Hochschulen erfährt. Um den Spielort sowie die dringend benötigten Sponsoren haben sich die Studenten selbst gekümmert. Von der wasserdichten Plastikfolie, die den Bühnenboden vor dem Wasser schützen soll, bis zur Glühbirne der Maskenbeleuchtung - alles muss selber beschafft werden.

So reicht der Aufwand einer solchen Opernproduktion weit über die eigentliche Probenarbeit, die Anfang Mai begonnen hat, hinaus. Jetzt ist der Marathon fast geschafft, an diesem Sonnabend ist die Premiere des lyrischen Dramas von Debussy. Eine dunkle Liebesgeschichte, die in einem kalten Bild ein totenbleiches Ende nimmt. Was man hier in der Durchlaufprobe nur erahnen kann, weckt die Hoffnung auf einen spannenden Musiktheaterabend.

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