Gesundheit : Persönliches über Autorität. Hanna-Renate Laurien als Lehrerin

Kerstin Decker

Eine imponierende und einnehmende Körperbeschaffenheit des Erziehers kann für seine Autorität günstig sein, indem sie dazu beiträgt, dass das Übergewicht seines Geistes rascher in die Augen fällt. Das lesen wir. "Respektspersonen. Wandlungen autoritären Verhaltens in Elternhaus und Schule", heißt die Ausstellung in der Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung in der Warschauer Strasse. In den Vitrinen stehen Bücher mit so bemerkenswerten Titeln wie "Der preußische Unteroffizier und der Landschullehrer." Oder "Der Weg zum Herzen der Kinder". Auch ein Leitfaden "Die Überschreitungen des Züchtigungsrechts mit Anhang: Trommelfellzerstörung durch Trauma" ist da. Ein Ausdruck tiefer Ratlosigkeit liegt auf den Gesichtern der Lehrer vor den Schaukästen. Sicher denken sie jetzt, dass es einfach nichts Vollkommenes gibt. Entweder die Kinder oder die Lehrer - einer verliert immer.

Hanna-Renate Laurien, Berlins vormalige Schulsenatorin und spätere Präsidentin des Abgeordnetenhauses hält einen Vortrag. "Persönliche Bemerkungen über Autorität und autoritäres Verhalten". Ja, Hanna-Renate Laurien findet Autorität Klasse. Irgendwie sieht man ihr das auch an. Aber das Mischungsverhältnis von persönlicher und Amtsautorität sei wichtig. Die wirkliche Autorität müsse lachen können - auch über sich selbst. Die falsche Autorität wiederum lasse sich durch besonders expliziten Gehorsam in ihrer Falschheit überführen.

Hanna-Renate Laurien erläutert das am Verhältnis von "Maidenoberführerin" und "Obermaid" 1944 beim Arbeitsdienst: "Heil Hitler! Maidenoberführerin, Obermaid Laurien bittet eintreten zu dürfen!" Durch beharrliche Wiederholung bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten, so die einstige Obermaid, ließ sich sogar das Selbstbewusstsein einer richtigen "Obermaidenführerin" untergraben.

Andererseits sei wirkliche Autorität durch beinahe gar nichts zu erschüttern. Autorität sei mehr als Sachkompetenz, sagt Hanna-Renate Laurien. Und natürlich bedeute sie auch Widerstand gegen den Zeitgeist. Stumme Zustimmung im Raum. Auch zu dem nun folgenden Punkt, dass früher auch nicht alles leicht gewesen sei. Die sechziger Jahre zum Beispiel, als Hanna-Renate Laurien in einer Mädchen-Unterprima unterrichtete und ihr die Oberschülerinnen erklärten, dass es mit dem Lesen der Klassiker nun aber ein Ende habe. Gut, gut, sagte die junge Oberstudiendirektorin, um beim nächsten Mal einen sagenhaft existenzialistischen Gegenwartstext zu lesen. Die Klasse war begeistert. Sie hatten Schillers "Räuber" gehört. Schiller oder Mörike oder nie mehr Schiller oder Mörike, das sei ein Lebensunterschied. Hanna-Renate Laurien erklärt es mit Stolz. Und auch dass ihre Quartanerinnen später den anstürmenden "Revoluzzern" den Frühstückskakao über die Köpfe gossen. Für antiautoritäres Betragen - die Berliner wissen es längst - hat sie wenig Verständnis. Auch nicht für Schulleiter, die vor etwas längerer Zeit Demos gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluss während des Unterrichts anführten. Aber nicht mit ihr als Schulsenatorin! Es gab viele Disziplinarverfahren.

Hanna-Renate Laurien ist noch heute sehr zufrieden mit sich. Sicher, sie wurde nicht nur geliebt, andererseits habe man ihr auf dem Flughafen Tegel den Weg freigerufen mit den Worten: Lassen Sie ganz schnell diese Frau durch, bei ihr lernen meine Kinder wieder Gedichte!

Ein kaum hörbares Seufzen füllt den Raum. Autorität, schließt Hanna-Renate Laurien mit schöner Autorität, sei eben Macht ohne Gewaltanwendung! - Beifall. Stille. Und schließlich die Frage: Kann man das auch lernen? Hanna-Renate Laurien denkt kurz nach. Dann fällt ihr Scharping ein. Eine richtige Null-Nummer, formuliert sie, sinngemäß, aber wie hätte der durch den Kosovo-Krieg an Autorität gewonnen! Die Fragestellerin sieht etwas enttäuscht aus - sie hat keinen Krieg, nicht mal ein Verteidigungsministerium, nur eine Klasse.

Von den Schülern wurde früher erwartet, dass sie dem Lehrer ein wohlgefälliges Bild bieten, erklärt nachher eine Mitarbeiterin der "Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschungen" in der Ausstellung. Da hält eine ältere Schuldirektorin nicht länger an sich: Warum sie das so abwertend sage? Und was denn falsch sei an einem "wohlgefälligen Bild" der Schüler? Es wäre doch einfach nur die Voraussetzung, den Unterricht zu beginnen. Wir sehen Kinder des 18. Jahrhunderts auf Holzeseln sitzen, eine Eselskappe auf dem Kopf. Was für Strategien der Demütigung! Und andere, die Hände gerade auf die Tische gelegt, den Daumen immer nach unten.

Aber so saß ich doch auch noch als Mädchen, sagt eine Frau, es sei nur ein Mittel gewesen, die Aufmerksamkeit wiederherzustellen. Ein Augenblick des Besinnens. Ein heute zunehmend unmöglicher Augenblick.Die Ausstellung "Respektspersonen." ist noch bis zum 16. Oktober in der Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung, Warschauer Straße 34-38, zu sehen.

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