Gesundheit : Pfefferspray gegen Studenten

Die Proteste eskalieren: Beim Arbeitgeber-Treffen werfen Demonstranten mit Eiern – eine Festnahme

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„Essen mit der Elite“ wollten gestern Hunderte von Berliner Studenten. Aber die gut informierte Polizei versperrte ihnen den Weg zum Mittagsbuffet der deutschen Arbeitgeber. Die tagten im Berliner MaritimHotel an der Friedrichstraße. Als die etwa 300 Studenten und Mitglieder der Aktionsgruppe „Berlin umsonst“ versuchten, die Eingänge zu stürmen, setzten Polizeibeamte Pfefferspray ein. Später warfen einige Protestierer Eier und Orangen gegen die Scheiben. Die anschließende Spontandemo begleitete die Polizei zunächst wohlwollend. Dann allerdings fuhr Jürgen Trittin in einem silbernen Audi vorbei – und die Situation eskalierte.

Unter „Trittin, Trittin“-Rufen umringten einige das Minister-Auto. Die Polizei drängte die Studenten ab, der Minister belächelte das bunte Treiben. Anschließend kam es zu weiteren Rangeleien zwischen Polizisten und Demonstranten – auch vor dem Roten Rathaus und dem Sitz der Bankgesellschaft. Nach Polizeiangaben wurde ein Demonstrant festgenommen.

Nach den Landespolitikern wollen die Studenten jetzt offensichtlich bei den wichtigsten Repräsentanten von Bundespolitik und Wirtschaft Druck machen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Selbst mit dem Bundespräsidenten versuchten die Studenten gestern ins Gespräch zu kommen. Friedlich – und erfolgreich: Etwa zwanzig Studenten warteten auf Johannes Rau, als der gestern morgen eine Moabiter Schule besuchte. Sie lasen ihm eine Rede vor: Wie wichtig Bildung und Forschung für unser Land sind. Die Rede kannte Rau bestens. Er hat sie selber einmal gehalten. So fiel es ihm leicht, seine Sympathie für die Forderungen der Studenten zu bekunden. „Stellen Sie sich jetzt hinter uns?“, fragten die Studenten. „Ich stelle mich vor Sie“, antwortete Rau mit Beschützerinstinkt. „Sehr aufgeschlossen für unsere Forderungen“, lobte Soziologie-Studentin Anne Heese den Präsidenten.

Die Politiker sollten endlich zur ihren Sonntagsreden in Sachen Bildung und Wissenschaft stehen, sagten die Studenten. Als „bundesweites Signal“ wollte Heese die Aktion verstanden wissen. Die Kommilitonen in Hessen, Bayern und Niedersachsen streiken und protestieren schließlich auch. In der derzeitigen Situation helfe nur noch eine deutschlandweite Debatte darüber, wie viel dem Land seine Bildung wert sei.

Berlins streikende Studenten wollen jetzt also an die wichtigen Entscheidungsträger herantreten. Die „gesellschaftlichen Gruppen“ suchen derweil die Nähe zu den unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit Protestierenden. Die Initiative Berliner Sozialforum stellte gestern an der Humboldt-Universität ihre Pläne für einen Schulterschluss vor. So sollen auf einer Großdemonstration am 13. Dezember neben den Studierenden auch Schulen, Gewerkschaften und andere von Kürzungen betroffene Einrichtungen wie Kindertagesstätten ihrem Unmut Luft machen.

Die Streikenden sehen Umarmungsversuche skeptisch: „Viele haben Angst, dass sich andere Gruppen hier einfach eine Plattform suchen, um ihre Forderungen besser durchzukriegen, die mit unseren gar nichts zu tun haben“, sagt Teresa Kärntopf, die seit zwei Wochen als Streikposten vor dem HU-Hauptgebäude Passierscheine verteilt.

Wenig überzeugt vom Vorbild ihren engagierten Universitäts-Kommilitonen zeigten sich dagegen die Studenten der Technischen Fachhochschule (TFH). Sie stimmten auf ihrer Vollversammlung mehrheitlich gegen Streik. „In meinen Vorlesungen sitzen dreißig Leute, ich duze meinen Prof: Da muss man nicht streiken“, argumentierte ein Fachhochschüler.

„Solidarität mit den Unis – was soll denn das für ein Streik-Grund sein?“, ergänzte eine Studentin. Die Studierenden der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit entschieden sich dagegen gestern für einen „einwöchigen Warnstreik“. tiw / gern / sl

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