Gesundheit : Pflege der Alten in Not

Rosemarie Stein

Die alte Dame brauchte beim Essen Hilfe. Dafür hatte das ständig überforderte Personal im Pflegeheim aber keine Zeit. Deshalb wollte man der leicht verwirrten Altersgebrechlichen eine Magensonde legen, wie sie die meisten anderen Pflegebedürftigen auf dieser Station schon hatten. Als ihr Sohn nicht zustimmte, verfügte das Sozialgericht auf Antrag des Heims sofort die Bestellung eines amtlichen "Betreuers". Der Sohn hatte nichts mehr zu sagen, seine Mutter wurde fortan künstlich ernährt.

Ein Fall von "struktureller Gewalt", vorgetragen auf dem bundesweiten Kongress "Armut und Gesundheit" am Wochenende in Berlin. Die Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung "Gesundheit Berlin", verantwortlich für die von acht Institutionen getragene Tagung, begreift "Armut" so mehrdimensional wie die Weltgesundheitsorganisation. Nach deren Definition ist Armut nicht nur materieller Mangel, sie umfasst vielmehr auch "niedrigen Bildungsstand, gesundheitliche Defizite, Anfälligkeit und Exponiertheit gegen umwelt- und berufsbedingte Risiken sowie Sprach- und Machtlosigkeit". All dies beeinflusst den Gesundheitszustand negativ.

Weil unter pflegebedürftigen Betagten Sprach- und Machtlosigkeit besonders verbreitet sind, gehörte ihre Situation zu den Hauptthemen der Tagung. Kurz zuvor hatten die Medien alarmierende Beiträge über eine Expertentagung des Europarats in Neuchâtel gebracht. Dort hatte der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte die Situation auch in deutschen Pflegeheimen kritisiert: Bis zu 85 Prozent der Bewohner seien unterernährt und ein Drittel ausgetrocknet, weil das Personal keine Zeit habe, bei Essen und Trinken zu helfen. Fehlende Zuwendung werde oft durch medikamentöse Ruhigstellung ersetzt.

Mitarbeiterinnen eines vor zwei Jahren vom Diakonischen Werk eingerichteten, wissenschaftlich begleiteten Projekts, des Krisentelefons "Pflege in Not" (69 59 89 89, montags bis freitags 10 bis 12 Uhr), bestätigten das auf dem Kongress. Ihren Erfahrungsberichten schickten Gabi Tammen-Parr und Sigrid Henße aber die Feststellung voraus, dass zahlreiche alte Menschen auch "mit viel Zeit, Liebe, Wissen und Unterstützung" gepflegt würden.

Bei dieser Beratungsstelle landen natürlich nur Beschwerden. Nicht nur Heimbewohner und ihre Angehörigen, auch zu Hause Gepflegte beklagen sich über fehlende Mobilisierung und Aktivierung, Zwang, Vernachlässigung und sogar offene Gewalt. Letztere kommt vor allem in der Familie vor, die Dunkelziffer wird als hoch eingeschätzt.

Weil niemand Zeit habe, die Pflegebedürftigen zur Toilette zu begleiten, würden viele gewindelt, auch ohne inkontinent zu sein, bei viel zu seltenem Windelwechsel. Das fördere das Wundiegen und die Entstehung von Druckgeschwüren. Auch von den zu Hause Gepflegten kamen Klagen, vor allem über ungeschulte und eilige Pflegekräfte, die bei ihren Besuchen nur das Nötigste erledigten. Eine alte Frau lag drei Tage lang mit gebrochener Hüfte in der Küche, weil die Sozialstation nichts unternahm, als die Pflegekraft mehrmals vor verschlossener Tür stand.

Zeit ist Geld, für die Pflege steht viel zu wenig zur Verfügung. Die Angehörigen vor allem Altersverwirrter sind überfordert, weil sie nur mangelhaft unterstützt werden, und überfordert sind auch die Pflegekräfte. Eine Altenpflegerin beklagte sich beim Krisentelefon, für aktivierende Pflege, wie sie im Konzept des Heimes stehe, bleibe keine Zeit.

Wie sehr Theorie und Praxis auseinander klaffen, zeigen die Forderungen des Deutschen Pflegerates, für den Ute Herbst sprach: "Ganzheitliche", aktivierende und an den Bedürfnissen des Einzelnen orientierte Pflege. Dieses Prinzip werde auch im Pflegegesetz übernommen, sei aber wegen krasser Unterfinanzierung nicht zu befolgen. Ohne mehr qualifiziertes Personal könne auch ein Gesetz zur Sicherung der Pflegequalität an der wachsenden Diskrepanz zwischen Soll und Sein nichts ändern, die Flucht der überforderten Kräfte aus dem Beruf nicht aufhalten.

Was also ist zu tun? Der Kongress befürwortete die Vernetzung aller beteiligter Personen und Institutionen. Das Krisentelefon der Diakonie, das von fünf verschiedenen Einrichtungen gefördert wird, ist ein Beispiel dafür. Ein anderes ist der Verbund für Gerontopsychiatrie und Geriatrie in Hellersdorf-Marzahn. Er ist zwar noch im Aufbau, wurde aber schon als Modell für die Entwicklung anderer Verbände zur strukturierten Zusammenarbeit vorgestellt. Bemerkenswert ist, dass auch bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe einbezogen werden.

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