Pflege : Gebt der Pflege eine Stimme!

Die Politik braucht mehr fachliche Kompetenz – und die Aktiven brauchen eine starke Interessenvertretung.

Markus Lauter
Zukunftsperspektive? Was wäre, wenn in Zukunft niemand mehr da wäre, um Bedürftigen zu helfen?
Zukunftsperspektive? Was wäre, wenn in Zukunft niemand mehr da wäre, um Bedürftigen zu helfen?Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es kann und wird Ihnen widerfahren, dass Sie in Kontakt mit uns kommen. Denn wir sind Menschen, die im Gesundheitssystem eine tragende Rolle spielen. Rund ein Viertel bis ein Drittel der im Gesundheitssystem Beschäftigten arbeiten in der Pflege – ausgebildet und tätig in der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege, aber auch der Geburtshilfe und der Kinderkrankenpflege. Ich bin einer von ihnen.

Was wir alltäglich und rund um die Uhr leisten, bleibt vielen verborgen. Häufig höre ich Respektsbekundungen wie: „Was du da machst, könnte ich gar nicht!“ Gleichzeitig habe ich oft das Gefühl, dass meine Arbeit herabgewürdigt wird.

Mit diesem Gefühl bin ich nicht alleine. Oft genug wird Pflege als Hilfs- und Zuarbeit der Medizin gesehen. Für viele scheinen wir als Reinigungspersonal zu fungieren – für Münder nach der Speisegabe und Allerwerteste nach der Verrichtung der Notdurft. Pflege als Professionalisierung des Saubermachens. Füttern und wischen: Das ist doch Pflege, oder? In der Tat, es sind wichtige Aufgaben, die gemacht werden müssen, ethisch und praktisch gesehen. Aber Pflege ist mehr. Und ihre Relevanz steigt.

Bei vielen Menschen hat die Pflege so lange kein hohes Ansehen, bis sie einmal persönlich auf Hilfe dieser Profession angewiesen sind. Pflege ist „kein sexy Thema, das einen in die Glitzerpresse bringt“, sagt Karl-Josef Laumann, der Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Aber Pflege hält unsere Gesellschaft im Kern zusammen. Wir, die Pflegefachpersonen, zeigen täglich Solidarität mit bedürftigen Menschen, völlig unabhängig von deren Religion, Ethnie, politischer Weltanschauung oder der Dicke ihres Portemonnaies. Pflege ist die schützende und helfende Hand für kranke und bedürftige Menschen.

Pflegefachleute müssen politisch aktiv werden

Nun ist es an der Zeit, uns zur Seite zu stehen. Solidarität ist die Art von Respektsbekundung, die wir am nötigsten brauchen. Denn unsere Gesellschaft steht vor immensen Herausforderungen. Der demografische Wandel hängt wie ein Damoklesschwert über uns allen. Die massenhafte Alterung bringt uns in eine Situation, die historisch ihresgleichen sucht. Wenn ich im heutigen gesetzlichen Rentenalter sein werde, wird ein Drittel der Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt sein. Mit zunehmendem Alter steigen das Risiko der Pflegebedürftigkeit und damit der allgemeine Pflegebedarf. Unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben könnten auf eine harte Probe gestellt werden.

Wer mein mulmiges Gefühl beim Gedanken an diese Zeiten teilt, sollte einer Berufsgruppe zuhören, die alle Eigenschaften mitbringt, den Risiken und Nebenwirkungen dieses Wandels innovativ und kompetent entgegenzutreten. Die Pflege braucht politisches Gehör. Doch zum Leidwesen unserer Gesellschaft sind viele von uns Pflegefachpersonen nicht politisch aktiv. Während vermutlich jeder Berliner mindestens eine Pflegefachperson in der Familie, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis hat, hat die Pflege noch immer keine Lobby in der Politik. Dabei ist sie der Ort, an dem die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die unsere Lebensbedingungen bestimmen.

Warum also tut die Pflege nichts für ihre Lobby? Nun, da wir rund um die Uhr für die Menschen da sind, arbeiten wir auch rund um die Uhr, die allermeisten von uns im Schichtdienst: Früh-, Zwischen-, Spät- und Nachtdienst. Manche arbeiten zwölf Stunden am Tag, manche in geteilten Diensten. Regelmäßige Termine wahrzunehmen, ist für viele unmöglich. Aber gerade die Arbeit in Parteien, Vereinen, Gewerkschaften, Verbänden und anderen Organisationen lebt von einer verlässlichen Regelmäßigkeit des Engagements. Wer nicht über Jahre durchgängig dabei bleibt, kann sein politisches Engagement gleich aufgeben.

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