Gesundheit : Phantom des Meeres

Sind Monsterkraken Mythos oder Wirklichkeit?

Monika Rößiger

Im vergangenen Sommer wurden in Chile die sterblichen Überreste eines scheinbar unbekannten Meereslebewesens angespült: eine rosagraue Fleischmasse von zwölf Meter Länge. Einige Forscher mutmaßten, sie könnte vom sagenhaften Monsterkraken „Octopus giganteus“ stammen. Seit mehr als 100 Jahren beschäftigt dieses Phantom Biologen. Kurioserweise existiert nämlich ein wissenschaftlicher Name für eine Art, deren Existenz gar nicht bewiesen ist.

Und das kam so: Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten zwei Jungs am Strand von Florida einen großen fleischigen Klumpen – englisch „blob“. Sie informierten den Arzt DeWitt Webb, der das Teil fotografieren ließ und die Bilder samt Bericht an den damals renommiertesten Tintenfisch-Experten, Addison Emery Verrill von der Yale-Universität in New Haven, Connecticut, schickte. Leider hielt er es nicht für nötig, den Fund vor Ort zu untersuchen. Aus weiteren Beschreibungen und Fotos schloss er, dass es sich um einen kolossalen Kraken handeln müsse und nannte ihn Octopus giganteus. Als Webb ihm später Gewebeproben zuschickte, änderte Verrill seine Meinung und hielt den „Blob“ fortan für die Überreste eines Wals. Spätere biochemische Untersuchungen im 20. Jahrhundert führten zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Nun steht fest: Es war tatsächlich ein Wal. Das berichtet ein Biologenteam unter der Leitung von Sydney Pierce von der University of South Florida in Tampa im Fachmagazin „Biological Bulletin“. Unter dem Elektronenmikroskop offenbarte sich die fibröse Struktur des Kadavers, die typisch für die Kollagenfasern im Walspeck seien. Eine Erbgut-Analyse identifizierte die Art als Pottwal.

Auch wenn sich der „Blob“ mithin als Flop erwiesen hat – ein „monströser“ Vertreter aus der Klasse der Tintenfische ist unumstritten: Der Riesenkalmar „Architeuthis dux“. Aber auch er gibt der Wissenschaft weiterhin Rätsel auf, zumal es ihm bis heute gelang, sich der Beobachtung in freier Wildbahn zu entziehen – trotz eines immensen Aufwandes an Geld und Technik.

Das größte Exemplar, das jemals vermessen wurde, strandete bereits 1880 vor der Küste Neuseelands. Von der Mantelspitze bis zum Ende der Fangtentakel maß er rund 20 Meter.

Obwohl man nicht weiß, was von diesen historischen Angeben zu halten ist, glaubt der amerikanische Architeuthis- Experte Clyde Roper, Kurator am Smithsonian’s National Museum of Natural History in Washington D.C., dass die Meeresungeheur sogar 25 Meter lang werden können – und knapp eine Tonne schwer. Schon jetzt gilt Architeuthis als das größte wirbellose Tier, das jemals auf Erden gelebt hat. Ein weiterer Superlativ sind die Augen. Mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern sind sie so groß wie Suppenteller.

Kalmare und Kraken unterscheiden sich im Körperbau und in der Lebensweise deutlich voneinander. Kalmare sind torpedoförmige Geschöpfe, die per Rückstoß durchs freie Wasser der Ozeane düsen. Sie haben zehn Arme: acht kürzere um den Mund herum und zwei lange Fangtentakel, deren Enden keulenartig verdickt sind. Kraken dagegen, auch Octopoden genannt, besitzen nur acht Arme. Es sind jene rundlichen Gesellen, die eher gemächlich auf dem Meeresgrund umherschreiten oder graziös durchs Wasser schweben, wobei sie an Balletttänzer erinnern.

Zweimal begab sich Roper auf Expeditionen in die Tiefsee, um den Riesenkalmar aufzuspüren – erfolglos, trotz Spezial-U-Boot, dessen dicke Acrylglaskugel maximalen Rundumblick gewährt und mit modernster Kameratechnik ausgestattet ist. Roper suchte in bis zu 650 Meter Tiefe. Nicht einen Einzigen bekam er zu Gesicht.

Die Autorin ist Verfasserin (mit Claus-Peter Lieckfeld) des soeben erschienenen Buchs „Mythos Meer. Geschichten, Legenden, Tatsachen“ (Blv Verlag, München, 19 Euro 90).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben