Gesundheit : "Phantomerinnerungen": Unser Gedächtnis spielt Theater

Rolf Degen

In jedem totalitären Staat werden die historischen Ereignisse im Nachhinein so umgeschrieben und manipuliert, dass sie der momentanen Sichtweise des "großen Bruders" am besten zusagen. Aber auch das einzelne Individuum, das "totalitäre Ego", pfuscht mit einer Schere im Kopf an den gespeicherten Daten in seinem Gedächtnis herum. Der Augenblick des Erinnerns ist nach neuen Forschungsergebnissen am gefährlichsten, weil die Gedächtnisspur dabei chemisch sehr stark "aufweicht" und eine besondere Anfälligkeit für die nachträgliche Klitterung erlangt.

Bei oberflächlicher Betrachtung wirkt das Gedächtnis wie ein Videorecorder, der den "Lebensfilm" aufzeichnet und bei Bedarf ein exaktes "Replay" Revue passieren lässt. Es ist aber in der Psychologie schon seit Längerem bekannt, dass unsere Erinnerungen keineswegs den "archivarischen" Charakter haben, den wir von unseren technischen Speichermedien kennen. So entdeckte Ebbinghaus, der Altvater der Gedächtnisforschung, bereits im vergangenen Jahrhundert, dass die gespeicherte Erinnerung, die "Gedächtnisspur", schon nach wenigen Minuten ungenau wird und an Originaltreue verliert.

Klitterung allenthalben

Das Gedächtnis, so der heutige Eindruck, "hortet" Erfahrungen nicht wie verstaubte Museumsstücke, sondern montiert die Vergangenheit bei Bedarf im Sinne eines Indizienbeweises zusammen. Es ist kein Datenspeicher, sondern eher ein Theater, das mit seinem Ensemble bruchstückhaft erhaltene Szenen neu interpretiert. Dieser "kreative" Charakter der Erinnerung macht es jedoch möglich, dass vorgefasste Meinungen, schematische Vorstellungen und andere sachfremde Einflüsse zu einer Klitterung unserer eigenen Geschichte führen.

In einer Studie wurde ein Teil der Versuchspersonen von mutmaßlichen "Gesundheitsexperten" über die möglichen Gefahren häufigen Zähneputzens (oder heftiger sportlicher Betätigung) informiert. Nach dieser Belehrung kam in den "Erinnerungen" der Betroffenen plötzlich weniger Zähneputzen (oder weniger sportliche Betätigung) vor als bei der vorigen Befragung.

Die Gedächtnisforschung kommt heute zu dem Schluss, dass Erinnerungen sich schon durch geringfügige Suggestionen unwiderrufbar überschreiben lassen. Auf die Frage "Haben Sie das Vorfahrtsschild gesehen?" antworteten weit mehr Versuchspersonen nach dem Betrachten eines Filmes mit "Ja", als wenn in der Frage "das" durch "ein" ersetzt war. Hatten sich die Probanden aber erst auf eine Antwort festgelegt, waren sie partout nicht mehr davon zu überzeugen, dass es in dem Film, der faktisch kein Vorfahrtsschild enthielt, keines zu sehen gab. Sie ließen sich weder durch Druck noch durch Bestechung von ihrer "Phantomerinnerung" abbringen.

Die Tatsache, dass Erinnerungen sich so leicht und dauerhaft überschreiben lassen, spricht gegen die Annahme der Psychoanalyse, dass im Unbewussten ein "photographischer" Mitschnitt der Vergangenheit fortexistiert. Die Neurologen Karim Nader, Glenn E. Schafe und Joseph E. LeDoux vom Nervenzentrum an der Universität New York haben nun in einer bahnbrechenden Studie eine biochemische Basis für die nachträgliche Erinnerungsmanipulation aufgedeckt (veröffentlicht in "Nature", Band 406, Seite 722).

Aktuelle Wahrnehmungen und Lerninhalte bleiben in der ersten Zeit offenbar als "kreisende Gehirnströme" im Kurzzeitgedächtnis gegenwärtig und werden dann durch einen Prozess der Verhärtung ("Konsolidierung") in eine biochemisch haltbare Form überführt. Die Überführung ins Langzeitgedächtnis scheint aber in einem kontinuierlichen Prozess abzulaufen, der zunächst hochgradig anfällig für Störfaktoren bleibt: Ein Schlag gegen den Kopf, die Gabe von Elektroschocks oder die Verabreichung von Medikamenten, welche die Bildung von Eiweißstoffen (Proteinen) hemmen, machen den taufrischen Erinnerungen den Garaus.

"Schreckstarre" als Anzeichen

Wenn das Gedächtnis aber erst einmal eine biochemisch stabile Struktur besitzt, sind die Erinnerungen gegen solche Erschütterungen gefeit. Das New Yorker Team hat diese Mechanismen am Beispiel der "Angstkonditionierung" untersucht. Ratten wurden einem Ton ausgesetzt, der mit einem leichten Elektroschock gekoppelt war. Nach einer Weile rief alleine die Präsentation des Tones eine konditionierte, ängstliche Bewegungslosigkeit, die "Schreckstarre" hervor.

Wenn man nun den Ratten direkt nach der Konditionierung den Proteinblocker Anisomycin in das Angstzentrum Amygdala einflößt, blieb die Lektion ungelernt: Die Darbietung des Tones jagte den Tieren keinen Schrecken ein. Sechs Stunden nach der Konditionierung indes war die Anisomycingabe wirkungslos. Die Erinnerung an die Assoziation hatte sich im Gehirn bereits festgesetzt. "Diese Art von Experimenten begann mich zu langweilen", erklärte Teamleiter Nader der New York Times. "Ich begann mich zu fragen, was wohl mit der Gedächtnisspur passiert, wenn man sie wieder abruft. Es wäre doch unheimlich elegant, wenn sie dadurch wieder labil würde."

Um diese Möglichkeit zu prüfen, setzen die Wissenschaftler ihre Nagetiere zunächst der gewohnten Angstkonditionierung aus. Nach einer Zeitspanne, in der die Konsolidierung ihr Werk verrichtete hatte, wurden die Tiere jedoch ein weiteres Mal mit dem bedrohlichen Ton (ohne Elektroschock) konfrontiert. Doch bei dieser Wiederholung des Reizes standen die Tiere unter Anisomycin. "Ich war sicher, dass die Droge keine Wirkung haben würde", erinnert sich Shafe. "Wenn überhaupt, hätte die Angstkonditionierung sogar noch stärker werden können, weil die Droge die Tiere davon abhielt zu lernen, dass die Tondarbietung ohne Folgen blieb."

Doch die Ergebnisse stellten alle Erwartungen auf den Kopf. Anstatt beim Vernehmen des Tones in Schrecken zu erstarren, gaben die Tiere sich diesmal ungerührt: Die Gabe des Proteinblockers während der Rückblende hatte die traumatische Erinnerung ausradiert. Immer dann, wenn eine "alte" Erinnerung ins Gedächtnis gezerrt wird, nimmt das Gehirn sie offenbar auseinander, aktualisiert sie, baut Nachträge ein und bildet dann neue Proteine, um das "Update" ins Langzeitgedächtnis zurückzuschreiben. Die Wissenschaftler sind sich bewusst, dass wir bei der biochemischen Erforschung der Gedächtnismanipulation erst am Anfang stehen. Es ist zum Beispiel offen, ob sehr alte und fest etablierte Erinnerungen genauso leicht "redigiert" werden können wie die Angstkonditionierung bei der Ratte. Niemand weiß, warum die Evolution unseren Gedächtnisspeicher so konstruiert hat, dass man nachträglich so leicht an seinen Inhalten "herumpfuschen" kann.

Überschreiben manchmal sinnvoll

Erinnerungen sollten eigentlich unverwüstlich sein, damit man sich auf sie verlassen kann. Allerdings hat es in gewissen Situationen auch Sinn, manchen Speicherinhalt zu überschreiben.

Diese Ergebnisse könnten Ansätze liefern, wie man seelisch gestörte Personen von ihren traumatischen Erinnerungen befreit, gibt die amerikanische Gedächtnisforscherin Elisabeth Loftus zu bedenken. "Der Patient müsste sich während seiner Therapie an die traumatisierende Situation erinnern, während man sein Gehirn mit einem Proteinblocker oder einer anderen Droge am Wiederabspeichern hindert."

Die Ergebnisse werfen nach ihrer Ansicht aber auch ein neues Licht auf Erinnerungsverfälschungen. Wenn ein erinnerter Gedächtnisinhalt tatsächlich zur Überarbeitung freigegeben wird, können sowohl korrekte Informationen als auch getürkte Daten den ursprünglichen Inhalt übertünchen. Wenn das aber erst einmal passiert ist, wird es unmöglich, Schein und Sein zu trennen.

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