Gesundheit : Philosoph der Wissenschaft Zum 100. Geburtstag von Carl Gustav Hempel

Horst Wolfgang Boger

„What do you mean by this?“ und „How do you know that?“ waren zwei seiner Lieblingsfragen, wenn Studenten oder auch Kollegen mit Thesen aufwarteten, die ihm neblig vorkamen. Diese beiden Fragen waren geradezu ein Kennzeichen von Carl Gustav Hempels philosophischer und wissenschaftlicher Haltung. Ironischerweise hatte der neben Karl R. Popper, Thomas S. Kuhn und Ernest Nagel einflussreichste Wissenschaftsphilosoph des 20. Jahrhunderts diese Fragen selbst von Studenten kennen gelernt, als er 1939 in New York unterrichtete.

Hempels eigene Studienzeit lag so lange noch nicht zurück. Am 8. Januar 1905 in Oranienburg geboren, hatte er in Berlin das Realgymnasium besucht. Nach der Reifeprüfung im Jahre 1923 studierte er Mathematik und Logik in Göttingen. Spätere Studien führten ihn nach Heidelberg und Wien und schließlich zurück nach Berlin.

Hier traf er auf Hans Reichenbach, der die „Gesellschaft für empirische Philosophie“ gegründet hatte. Reichenbach sollte der Gutachter für seine Dissertation über den Wahrscheinlichkeitsbegriff werden. Dann musste Reichenbach aus „rassischen Gründen“ Deutschland verlassen. Zum Glück waren der Psychologe W. Koehler und der Ethiker Nicolai Hartmann, beide mit dem Thema völlig unvertraut, bereit, die Arbeit zu begutachten.

Berlin im April 1934: Es wurde Zeit, Deutschland zu verlassen. „Ich bin kein Jude; ich hatte und habe viele jüdische Freunde.“ Einer von ihnen war der Chemiker P. Oppenheim, der schon ein Jahr zuvor nach Brüssel emigriert war. Dort verfassten sie ihre erste gemeinsame Arbeit. 1937 kam eine Einladung des Logikers Rudolph Carnap an die Universität Chicago. So wanderten beide in die USA aus. Dort konnte Hempel die großen Stufen einer Bilderbuchkarriere erklimmen: Yale, Harvard, Princeton, Pittsburgh. Er starb 1997.

Zu Hempels bleibenden Leistungen gehören seine Theorie der Begriffsbildung und seine Theorie der wissenschaftlichen Erklärung (beide gemeinsam mit Oppenheim) sowie seine Beiträge zur induktiven Logik, insbesondere zur Theorie der Bestätigung. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt war die Rationalität von Entscheidungen und Handlungen.

Die Wissenschaftsphilosophie ist eine spröde Disziplin, sie verrät uns nichts über den Sinn des Lebens, auch spendet sie keinen Trost. Das Hempelsche „Rabenparadox“ zeigt es sofort: Normalerweise nehmen wir an, dass jeder schwarze Rabe den Satz „Alle Raben sind schwarz“ bestätigt. Dieser Satz ist logisch gleichwertig mit „Alle nicht-schwarzen Dinge sind Nicht-Raben.“ Dieser Satz wird bestätigt durch jeden weißen Schuh. Daraus folgt, dass jeder weiße Schuh auch den Satz „Alle Raben sind schwarz“ bestätigt. Und dies erscheint den meisten Menschen paradox.

Oranienburg wird morgen um 11 Uhr eine Straße in „Carl-Gustav-Hempel-Straße“ umbenennen. Berlin könnte sich ein Beispiel daran nehmen.

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