Gesundheit : "Philosophie heute": Dialektik der Aufklärung in 45 TV-Minuten

Sibylle Salewski

Auch nur den Versuch zu unternehmen, aus Theodor W. Adornos und Max Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" einen Fernsehfilm zu machen, verdient staunende Hochachtung. Um Faschismus und eine Theorie der Massenkultur geht es in dem Buch, um den Versuch zu zeigen, wie Aufklärung, wie Vernunft bereits den Keim enthält, der sie in ihr Gegenteil umschlagen lässt. Lässt sich daraus ein Film machen?

Horkheimer und Adorno haben ihr Buch gemeinsam im kalifornischen Exil geschrieben. Am Ende des zweiten Weltkriegs, 1944, wurde es in Amsterdam veröffentlicht und fand zunächst nur eine kleine Leserschaft. In den 60er Jahren wurde es dann zu einem der Kultbücher der Studentenbewegung, und mit vielen Kultbüchern teilt es die Eigenschaft, über weite Strecken schwer verständlich, sogar dunkel zu sein. Theorie und sozialwissenschaftliche Empirie, Philosophie und Zeitdiagnose treffen in dem Buch aufeinander. Ein Werk, in dem es um Themen geht, die uns auch heute nicht loslassen: den Nationalsozialismus, die Vereinsamung des modernen Menschen, die Beherrschung der Erde durch Technik.

Der große Hörsaal des Audimax an der Freien Universität ist gefüllt: Fast dreihundert Studierende warten darauf, dass das Licht ausgeht, die Filme beginnen und sie in die vertrackte Gedankenwelt der Philosophie entführt werden. Gleich zwei Filme werden dieses Mal gezeigt: ein Portrait des Philosophen Adorno und 45 Minuten Film über die Dialektik der Aufklärung. Beide Filme sind Ende der achtziger Jahre gedreht worden und liefen bereits mehrfach in den dritten Fernsehprogrammen.

Der AStA der FU zeigt zusammen mit dem WDR noch bis zum 11. Mai Fernsehfilme aus Ulrich Böhms Sendereihe "Philosophie heute". Zu jeder Vorführung haben die Veranstalter einen Gast eingeladen, meist sind es Philosophen aus Berlin, mit denen das Publikum im Anschluss an die Filme diskutiert. Auch Ulrich Böhm sitzt mit auf dem Podium.

Zu dem Filmnachmittag über Adorno ist Albrecht Wellmer, Philosophieprofessor an der Freien Universität, gekommen. Am zweiten Film scheiden sich die Geister: Er beginnt mit Bildern von amerikanischen Flugzeugen, die deutsche Städte bombardieren, später schließen an einen Ausschnitt über den Marquis de Sade in rascher Folge Bilder von nationalsozialistischen Aufmärschen und Bilder aus den Konzentrationslagern an. Die Einsamkeit des Menschen in der modernen Welt und seine Liebesunfähigkeit werden von einem lüsternen dicken Mann, der einer schönen Asiatin hinterher starrt, symbolisiert. "Dieser Film ist fast skandalös", sagt ein Zuschauer, "da wird suggeriert, der Gipfelpunkt der Dialektik der Aufklärung sei die Bombardierung deutscher Städte. Der Übergang von de Sade zu Auschwitz war unter allem Niveau."

Ulrich Böhm hielt dagegen: "Das ist ein Film für ein Massenpublikum, nicht für ein Fachpublikum. Wir hatten nur 45 Minuten." Selbst Wellmers Einwand, auch der Versuch, eine Massenpublikum zu erreichen, könne besser oder schlechter gelingen, ließ Böhm nicht gelten: "Wir sind die einzigen, die überhaupt Philosophie ins Fernsehen bringen, wir erreichen Leute, die noch nie ein philosophisches Buch gelesen haben."

Es lohnt sich gewiss, auch die anderen Versuche, die Philosophie zum Fernsehzuschauer zu bringen, anzusehen. Man lernt dabei nicht notwendigerweise immer etwas über ein philosophisches Werk, aber über die Möglichkeiten und Grenzen des Fernsehens und die Sperrigkeit philosophischer Gedanken.

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