Gesundheit : Physik-Nobelpreisträger Zhores I. Alferov: Zwischen Berlin und Petersburg

Dieter Hoffmann

Bei seinem Deutschlandsbesuch machte der letztjährige Nobelpreisträger für Physik, Zhores I. Alferov aus Petersburg, am Dienstag Station in Berlin-Adlershof. Als Ehrengast nahm er in der Wissenschaftsstadt an der Einweihung der Abram-Joffe-Straße teil. Dass sich Alferov im dicht gedrängten Besuchsprogramm Zeit für die Enthüllung des neuen Namenschilds nahm, ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass er ein Schüler des bedeutenden russischen Physikers ist und seit vielen Jahren das Petersburger Joffe-Institut für Halbleiterphysik leitet. In seiner Ansprache machte Alferov deutlich, dass die Namensgebung der neuen Straße für ihn auch ein Symbol für die Tradition der Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischen Gelehrten ist, die weit ins 18. Jahrhundert zurückreicht.

Dabei nimmt der russische Physiker Abram Joffe einen zentralen Platz ein. Am 29. Oktober 1880 im ukrainischen Romny in einer jüdischen Familie geboren, versuchte Joffe als junger Student der politischen Enge seiner Heimat zu entfliehen und ging wie so viele seiner Landsleute nach Deutschland. In München studierte er Physik und promovierte im Jahre 1905 bei Wilhelm Conrad Röntgen. Auch nach der Rückkehr in seine russische Heimat unterhielt er enge Forschungsbeziehungen nach Deutschland. Er nutzte sie in den frühen Jahren der Sowjetunion dazu, seinen besten Studenten Forschungsaufenthalte an führenden deutschen und europäischen Forschungszentren zu vermitteln.

Neben anderen Gelehrtengesellschaften trug ihm auch die Berliner Akademie im Jahre 1928 die Mitgliedschaft an. Allerdings legte Joffe diese Mitgliedschaft im Jahre 1938 wegen der nationalsozialistischen Rassenpolitik nieder; sie wurde übrigens erst im Jahre 1956 erneuert, da Joffe in der stalinistischen Nachkriegsära wegen seiner jüdischen Herkunft und der Fülle seiner internationalen Kontakte des "Kosmopolitismus" verdächtig und seiner Ämter zeitweilig enthoben worden war.

Joffe kam erst zwei Jahre vor seinem Tod - er starb am 14. Oktober 1960 in Leningrad - wieder nach Berlin. Sein Besuch in der damaligen DDR markiert zugleich den Beginn einer intensiven wissenschaftlichen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Festkörperphysik zwischen dem Joffe-Institut und verschiedenen Wissenschaftseinrichtungen der DDR, namentlich mit Instituten der Akademie der Wissenschaften. Forschungskontakte, in die später auch Alferov selbst einbezogen war und die nicht zuletzt dazu führten, dass er im Jahre 1987 zum auswärtigen Mitglied der DDR-Akademie gewählt wurde.

Diese Ehrung hatte allerdings nach der Wende im Rahmen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften keinen Bestand. Genauso wenig wie die vielfältigen Beziehungen seines Instituts zu einstigen Akademieinstituten in Adlershof.

Dennoch wurden die letzten zehn Jahre in der Forschungskooperation zwischen Alferovs Joffe-Institut und deutschen Physikerkollegen zu einer Erfolgsstory. Mit über 70 gemeinsamen Projekten sind heute deutsche Wissenschaftseinrichtungen der wichtigste internationale Kooperationspartner des Petersburger Instituts, womit sie in dieser Zeit amerikanische Institute vom ersten Platz verdrängen konnten. Führend beteiligt an dieser Forschungskooperation sind Dieter Bimberg und seine Arbeitsgruppe vom Institut für Festkörperphysik der TU Berlin; knapp zehn Gastwissenschaftler aus Petersburg arbeiten gegenwärtig dort.

Mit großzügiger finanzieller Förderung durch verschiedene deutsche Stiftungen - von der Volkswagen-Stiftung über den Stifterverband bis zur Humboldt-Stiftung - und vor allem durch das Bundesforschungsministerium werden so gemeinsame Forschungen zu Halbleiterlasern realisiert. Fast alle derzeit existierenden Typen von Halbleiterlasern basieren auf Prinzipien, die von Alferov entwickelt wurden und für die er nicht zuletzt im vergangenen Jahr den Nobelpreis erhielt.

Halbleiterlaser gehören momentan zu den wissenschaftlich interessantesten Forschungsgebieten der modernen Festkörperphysik. Ohne Halbleiterlaser gäbe es weder moderne Registrierkassen noch CD-Player oder Computer. Die gemeinsamen Forschungen der Petersburger und Berliner Physiker konnten auf der Jagd nach immer leistungsfähigeren und kleineren Halbleiterlasern in den zurückliegenden Jahren bedeutende Fortschritte erzielen. So gelang es im Sommer 1994 den weltweit ersten Quantenpunktlaser zu entwickeln - eine wissenschaftliche Pioniertat.

Aktuell stehen Forschungen im Mittelpunkt der Berlin-Petersburger Kooperation, die Laserparameter in Hinblick auf einen möglichst universellen Einsatz der Quantenpunktlaser weiter zu optimieren. Dabei werden die im Petersburger Institut mit speziellen Verfahren hergestellten Halbleitermaterialien an der Technischen Universität Berlin analysiert und in neue Bauelemente umgesetzt.

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