Gesundheit : Pillen für die Welt

Medikamente wirken je nach Herkunft des Menschen verschieden. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle

Bas Kast

Pharmafirmen wollen ihre Medikamente am liebsten auf der ganzen Welt verkaufen. Dabei stoßen sie auf ein Problem: Nicht alle Menschen reagieren auf ein und das gleiche Medikament auf die gleiche Art und Weise. Eine Arznei, die bei so manchem Wunder wirkt, wirkt bei anderen gar nicht – oder es kommt bei ihnen zu unangenehmen, manchmal sogar tödlichen Nebenwirkungen.

Der Grund dafür ist einfach: Menschen sind verschieden. Sie reagieren auf gleiche Medikamente unterschiedlich, weil ihr Stoffwechsel, der zum Großteil auf ihre Gene zurückgeht, verschieden ist. Am besten also wäre es, wenn jeder ein auf ihn maßgeschneidertes Medikament bekäme – eine persönliche Pille, zugeschnitten auf das eigene, einzigartige Genom.

Leider ist es zu teuer, eine Arznei wie einen Anzug auf einen einzelnen Menschen zurechtzuschneiden. Deshalb wird man sich bei der Entwicklung von Wirkstoffen auch in Zukunft an bestimmte Gruppen halten müssen, am besten an Gruppen mit ähnlichen Genen. Nur, welche Gruppen von Menschen haben ähnliche Gene? Etwa Menschen mit ähnlicher Hautfarbe, ähnlicher ethnologischer Zugehörigkeit? Gibt es eine genetische Basis für den oft missbrauchten Begriff der „Rasse“ – und wenn ja, ist es wichtig, sich bei der Entwicklung von Medikamenten an den unterschiedlichen Rassen zu orientieren?

Dieser Frage geht das Fachblatt „Nature Genetics“ in einem Sonderheft auf den Grund. Die Antworten fallen kompliziert aus.

„Rasse ist ein Konzept, das sich auf Schimpansen anwenden lässt, nicht aber auf Menschen“, stellen Charles Rotimi von der Howard-Universität in Washington D.C. und seine Kollegen fest. Menschen unterscheiden sich in nur 0,1 Prozent ihres Erbguts. Und den Großteil dieser Unterschiede – bis zu 90 Prozent – findet man nicht etwa zwischen, sondern innerhalb der verschiedenen ethnischen Gruppen von Afrika, Asien und Europa.

Sprich: Einzelne Individuen unterscheiden sich genetisch viel stärker von einander als Gruppen verschiedener „Rassen“. Äußerlich erscheinen uns asiatische Menschen als sehr ähnlich. Innerlich aber sind sie verschieden. Und was wir allein vom Äußeren her nie vermuten würden: So mancher Asiate gleicht uns genetisch mehr als ein europäischer Nachbar.

Dennoch zeigt sich auch: Verschiedene ethnische Gruppen sind erstens unterschiedlich anfällig für bestimmte Krankheiten. Zweitens sprechen sie auf manche Medikamente unterschiedlich gut an.

Die Biologen Sarah Tate und David Goldstein etwa kommen in einem Übersichtsartikel zum Schluss, dass mindestens 29 Arzneien je nach ethnischer Gruppe unterschiedlich wirken. Beispiel „BiDil“: Das Herzmedikament könnte die erste Arznei werden, die von der US-Gesundheitsbehörde nur für eine spezifische ethnische Gruppe zugelassen wird. Fast hätte man das Mittel ganz fallen gelassen, nachdem es sich in Tests als unwirksam erwies. Dann zeigte sich: „BiDil“, das den Körper mit mehr Stickstoffmonoxid versorgt und die Blutgefäße weitet, wirkt nur bei schwarzen Patienten – nicht bei hellhäutigen.

Auf der anderen Seite ist klar, dass es sich selbst in den Fällen, in denen sich Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen beobachten lassen, um statistische Unterschiede handelt. Das klassische Beispiel: Viele asiatische Menschen vertragen keine Milch – auf Grund ihrer genetischen Konstellation fehlt ihnen das Enzym Laktase, welches den Milchzucker spaltet. Manche Asiaten jedoch gleichen in dieser genetischen Hinsicht eher den Europäern, sie bilden Laktase wie unsereins. Sprich: Die Hautfarbe ist nur ein Indiz. Die Gene für Hautfarbe sind eben andere als die Gene, die beim Abbau bestimmter Stoffe eine Rolle spielen.

„Rasse“, so lautet deshalb auch der Schluss von Charles Rotimi, „ist eine ungeeignete Einteilung für die unterschiedlichen Gruppen von Menschen, die von einem bestimmten Medikament profitieren können.“ Der Forscher beschreibt den Fall eines achtjährigen, hellhäutigen Jungen, der mit Unterleibschmerzen und Fieber in eine Klinik kam. Nachdem man festgestellt hatte, dass auch die roten Blutkörperchen nicht in Ordnung waren, erwogen die Ärzte eine Operation. Erst im letzten Moment entdeckte man, dass der Junge unter einer Sichelzellanämie leidet – einer Störung bei der Bildung des Blutfarbstoffs Hämoglobin. Die Folge: Die roten Blutkörperchen sind nicht rund, sondern bekommen die Form einer Sichel und können keinen Sauerstoff mehr transportieren.

Die Sichelzellanämie entsteht auf Grund einer genetischen Variante, die vor allem bei der Bevölkerung Zentralafrikas vorkommt. Da der Junge aber nicht dunkel-, sondern hellhäutig war, tippte keiner der Ärzte zunächst auf Sichelzellanämie – sie gilt als „Krankheit von Schwarzen“. „Dabei sind sich viele Menschen, Ärzte eingeschlossen, nicht bewusst, dass es in dem griechischen Ort Orchomenos doppelt so viele Fälle von Sichelzellanämie gibt wie unter Afroamerikanern und dass unter schwarzen Südafrikanern die Sichelzellanämie nicht herrscht“, so Rotimi.

Fazit: Medizinisch gesehen ist es zwar manchmal, aber nicht immer nützlich, sich an der Hautfarbe der Menschen zu orientieren. Das bedeutet, dass die Pharmaforscher bei ihrem Ziel maßgeschneiderter Medikamente oft „durch die Haut“ hindurch sehen müssen, auf die Gene. Darin liegt die Herausforderung. Bei einem Erfolg, so Rotimi, könnten gerade die Gendaten dazu beitragen, von dem diffusen Konzept der „Rasse“ wegzukommen.

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