Gesundheit : Pin-Ups als Dokument des Arbeiterlebens

Martin Ebner

Infernalischer Lärm, beißender Dampf, fließende Erde, flüssiges Eisen, Feuer und Schwefel: "Die Schönheit der Hölle" ist in Völklingen nur noch im Film zu sehen. Wer den Kinoraum im ehemaligen Hochofenbüro der Völklinger Hütte verlässt, hört Amseln zwitschern, sieht, wie Gras die Eisenbahngleise überwuchert und Büsche im Rohstofflager wachsen. Niemand bändigt hier mehr Feuer, Wasser und Luft, um Roheisen zu erzeugen. Überwältigend ist der Anblick der Hochofengruppe aber immer noch.

Von weitem sieht es so aus, als ob im Saartal ein riesiges Skelett liege: Abgeknickte Gichtgasrohre überragen die Hochöfen und die Kuppeln der Winderhitzer, daneben strecken sich gewaltige Kamine in den Himmel - fast so hoch wie die beiden Schlacke-Berge "Hermann" und "Dorothea" dahinter. Die 60 Hektar große Anlage ist heute das weltweit einzige vollständig erhaltene Eisenwerk aus der Blütezeit der Eisen- und Stahlindustrie.

Gegründet wurde die Völklinger Hütte im Jahr 1873 von dem Ingenieur Julius Buch - sie rentierte sich aber nicht und wurde bald wieder geschlossen. Um so erfolgreicher war der nächste Anlauf: Die Industriellenfamilie Röchling kaufte die Hütte 1881 und machte sie in wenigen Jahren zu einem der bedeutendsten Eisen- und Stahlwerke Europas.

Schon 1890 kamen die meisten Eisenträger des Deutschen Reiches aus Völklingen. Sechs Hochöfen, die bis 1903 errichtet wurden, produzierten täglich über 5000 Tonnen Roheisen. Den Höchststand ihrer Produktion erreichte die weder durch Krieg noch Demontagen zerstörte Hütte 1952. Mitte der 60er Jahre arbeiteten über 17 000 Menschen in "der Hidd", die Völklingen zur reichsten Stadt des Saarlands machte; die Zulieferindustrie beschäftigte 30 000 Mann.

Dank ihrer technischen Pionierleistungen zählte die Hütte zu den modernsten der Welt. Zu den Völklinger Innovationen gehörte zum Beispiel eine Sinteranlage zum Recyceln von Abfallstoffen und Gichtstaub. Trotzdem blies die Hütte täglich 32 Tonnen Staub in die Luft - jeden Abend mussten die Völklinger eine dicke braune Schicht von ihrer Fensterbank kehren. Hinzu kam der ständige Lärm. Weder das in Völklingen verhüttete lothringische Erz, noch die dabei verwendete Saarkohle waren besonders hochofentauglich - sie mussten erst zerkleinert und dann gepresst werden. Der Krach der Stampfmaschinen war bis in die Innenstadt zu hören - Tag und Nacht begleitet vom schrillen Quietschen der Erz-Loren.

Der Völklinger Schrägaufzug für Eisenerz und Koks ist einmalig: Alle sechs Hochöfen wurden über ein einziges Gleissystem mit Rohstoffen befüllt. Da er für eine Höhe von exakt 27 Metern konzipiert ist, machte der Aufzug allerdings eine Erweiterung der Hochöfen unmöglich. Nach der Stahlkrise von 1975 war die Völklinger Hütte endgültig zu klein.

Im Juli 1986 wurde der letzte Hochofen ausgeblasen; nur die Bereiche der Stahlproduktion mit einem 1980 erbauten Blasstahlwerk blieben in Betrieb. Die 4000 Arbeiter, die zuletzt noch in der Hütte beschäftigt waren, mussten gehen. Ein Teil von ihnen arbeitet heute als Museumswärter. Hitze, Gas und Staub können ihnen nichts mehr anhaben. Gemütlich schlendern sie mit Besuchergruppen über einen eigens angelegten Besichtigungsweg in die für Fremde einst "verbotene Stadt". Dass ihr Arbeitsplatz heute als "Europäisches Zentrum für Kultur und Industriekultur" firmiert, ist vor allem dem Verein "Initiative Völklinger Hütte" zu verdanken, der seit 1987 für die Erhaltung dieses einzigartigen Zeugnisses der Technikgeschichte kämpft. 1994 wurde die Hütte als erstes Industriedenkmal von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Nach und nach werden die verschiedenen Bereiche der Hütte zugänglich gemacht. Zur Neueröffnung im März 2000 wurden die Besucherwege bei der Hochofengruppe und der Kokerei erweitert und neu gestaltet. Bis Juni soll auch einer der Hochöfen wieder begehbar werden. Die über 6000 Quadratmeter große Gebläsehalle, in der Maschinen mit gigantischen Schwungrädern den für die Roheisenerzeugung nötigen Wind erzeugten, wird für Konzerte und Ausstellungen genutzt. Bis zum 14. Mai zeigt die Völklinger Hütte, selbst eines der Projekte der EXPO 2000, die historische Schau "Einfach gigantisch, gigantisch einfach. 150 Jahre Weltausstellungen". Bis zum 28. Mai ist außerdem eine Ausstellung von "Playboy Cartoon-Klassikern" zu sehen.

Die Hüttenarbeiter hätten vermutlich den kurvenreichen Zeichnungen den Vorzug gegeben. Während der Sichtung der Hüttenanlage in der Winterpause wurden jedenfalls in ihren alten Spinden nicht nur viel Staub und alte Cola-Flaschen entdeckt, sondern auch Pin-Up-Bilder. Sie werden nun mit Plexiglas geschützt - als "authentisches Dokument des Arbeiterlebens".Völklinger Hütte - Europäisches Zentrum für Kultur und Industriekultur Tel.: 06898-9100-0 www.ivhev.de , www.voelklinger-huette.org

Öffnungszeiten: bis 31. Oktober täglich von 10 bis 19 Uhr. Freitags: Besichtigung der Hochofengruppe mit einer Lichtinstallation von Hans Peter Kuhn bis 22 Uhr.

Die Eintrittspreise: 9, ermäßigt 7 Mark.

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