Gesundheit : Pionier der Identitätskrise Vor 100 Jahren wurde Erik H. Erikson geboren

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Urvertrauen – ein Wort, das man kennt. Und dessen grundlegende Bedeutung für viele Hobby- und Profi-Psychologen erwiesen ist: Werden die Bedürfnisse des Säuglings nach Nahrung, Zuwendung und Fürsorge in den ersten Lebensmonaten regelmäßig durch eine einfühlsame primäre Bezugsperson befriedigt, entwickelt er ein Grundgefühl, ob er den Menschen in seiner Umwelt vertrauen kann. Wenn nicht, sind spätere Beziehungsprobleme und Störungen des Selbstwertgefühls vorprogrammiert.

So sehr auch der Begriff Urvertrauen das soziale Miteinander vieler heutiger Menschen berührt – seine Herkunft ist nur wenigen bewusst. Geprägt hat ihn Erik H. Erikson (1902-1994). Am 15. Juni jährt sich der Geburtstag des deutsch-amerikanischen Psychoanalytikers und Entwicklungstheoretikers zum 100. Mal.

Erikson gilt durch seine Klassiker „Kindheit und Gesellschaft" sowie „Jugend und Krise" bis heute als Autorität in der Kinder- und Jugendforschung; Spuren seines Denkens finden sich jedoch auch auf entlegenem Gebiet. Der in der Nähe von Frankfurt/Main geborene Kliniker und Theoretiker gehörte zu jenen Denkern, die sich souverän über die Konventionen disziplinärer Grenzziehungen hinwegsetzen. Erikson führte kultur-anthropologische Studien an Indianerstämmen durch, er verknüpfte historische, soziologische und literarische Erkenntnisse und er schöpfte aus den Erfahrungen seiner psychotherapeutischen Praxis.

Konsequenterweise verharrte er auch nicht bei der klassischen Psychoanalyse. Dem psychosexuellen Denken seines geistigen Vaters Freud fügte Erikson psychosoziale Kategorien hinzu, Freuds Fixierung auf das Pathologische entgegnete er mit einem Blick auf das Normale. Und er zeigte als einer der ersten Analytiker einer weltweiten Leserschaft auf, dass die Persönlichkeitsentwicklung mit dem Ende der Kindheit oder der Adoleszenz keineswegs abgeschlossen ist.

Eriksons psychosoziales Entwicklungsmodell, wonach sich der menschliche Lebenszyklus bis zuletzt als Aufeinanderfolge von Entwicklungskrisen darstellt, ist umstritten: zu unsystematisch, zu spekulativ, nur teilweise empirisch überprüfbar, so lautet die Kritik - und dennoch steht es wegen seines anregenden Potenzials seit Jahrzehnten auf dem Lehrplan in den Humanwissenschaften.

Dies trifft auch zu für Eriksons Konzepte der Identität und der Identitätskrise, die ebenfalls weite Verbreitung bis hin in unsere Alltagssprache gefunden haben. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes wissenschaftliches Werk – nicht zuletzt deshalb, weil der „Pionier der Identitätskrise" selbst von früh an von Erfahrungen der Randständigkeit und Entwurzelung betroffen war: Als Stiefsohn eines Kinderarztes, dänisch-deutsch-jüdischer Abstammung, wuchs Erikson zweisprachig auf und führte in seinen jungen Jahren das unstete Leben eines Künstlers und Wanderers. Ohne je ein Hochschulstudium abgeschlossen zu haben, avancierte der 1933 in die USA emigrierte Psychoanalytiker schließlich zum international und interdisziplinär anerkannten Harvard-Professor – und erhielt nebenbei für seine psychohistorische Studie „Gandhis Wahrheit" den Pulitzer-Preis. Klaus Brath

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