Gesundheit : Pisa und die Folgen: Andere Länder machen es besser

Vorbei die schöne Zeit unangefochtener Schulweisheit in deutschen Landen: Die Schulen anderer Industriestaaten meistern die modernen Herausforderungen erheblich besser als die deutschen. Nach dem schlechten Abschneiden der Deutschen beim internationalen Schulleistungstest Pisa (Programme for International Student Assessment) stellt sich die Frage: Was machen die anderen besser?

In Deutschland kann fast jeder vierte 15-jährige Texte nicht sicher lesen und verstehen. Die meisten dieser Schüler sind männlich und kommen aus Migrantenfamilien. Aber auch 40 Prozent der Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern erreichten die Mindeststandards nicht. Andere Staaten haben ebenfalls viele Zuwanderer, integrieren sie aber besser. Das zeigt sich auch am Schulerfolg. Dafür ist Kanada ein gutes Beispiel. Bei Pisa belegten die kanadischen Schüler den dritten Rang.

In keinem anderen Staat hängen zudem die Schulleistungen so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. In Japan hat beides wenig Zusammenhang. Als vorbildlich gilt auch (Süd-) Korea, Rangzweiter auch beim Pisa-Lesetest. Japan, Irland und Neuseeland fanden sich auf den Plätzen vier bis sechs, Deutschland dagegen abgeschlagen auf Rang 21 von 32. Spitzenreiter waren die Finnen.

Finnland: 95 Prozent machen Abitur

Aus der Zentrale des weltgrößten Handy-Produzenten Nokia vor den Toren Helsinkis kommt Lob für Finnlands Schulsystem: "Das Bildungsniveau bei unserm Nachwuchs ist schon sehr hoch ", meint Forschungs- und Ausbildungschefin Tytti Varmavuo. Aber sie will den vordersten Platz ihres Landes beim jüngsten internationalen Schulvergleich nicht uneingeschränkt gelten lassen: "Die jungen Leute bei uns interessieren sich zu wenig für Mathematik und Naturwissenschaften."

Wie in allen nordeuropäischen Ländern sind auch in Finnland lupenreine Gesamtschulen mit gleichem Schulgang für alle bis zur 9. Klasse der Kern des Bildungssystems. Dass dann noch 95 Prozent der Schüler die folgenden drei Gymnasialjahre absolvieren, hält Staatssekretär Jukka Sarjala für einen "wunderbaren Beweis der hohen Bildungsmotivation". Alle Schüler besuchen Ganztagsschulen und haben gesetzlich Anspruch auf eine kostenlose warme Mittagsmahlzeit.

Schwerpunkt an Finnlands Schulen sind traditionell vor allem sprachliche Fertigkeiten. Zum einen, weil die eigene Sprache ausgesprochen anspruchsvolle Strukturen hat und zum anderen nach außen fast komplett isoliert ist. So waren die Nordeuropäer auch in Europa die ersten, die das Erlernen von zwei Fremdsprachen zur Pflicht für alle Gesamtschüler machten. Englisch steht spätestens ab der 3., oft aber auch schon von der 1. Klasse an auf dem Stundenplan.

In den letzten Jahren sei die Bedeutung von Mathematik und Naturwissenschaften deutlich gestiegen, meint Sarjala. Praktisch üben all die künftigen Generationen von Nokia-Ingenieuren auch reichlich außerhalb ihrer Klassen: Bei der Verbreitung privater Computer und von Handys unter Kids liegen die Finnen weltweit in allen Statistiken ganz vorn.

Südkorea: Bildung hat hohes Ansehen

Die Bildung hat im konfuzianistisch geprägten Südkorea einen enorm hohen Stellenwert. Noch immer kommt dabei vor allem dem an Leistung und Verdienst ausgerichteten Bildungsstand eine Leitfunktion im Erziehungssystem zu. Wer die Leistungsanforderungen des Systems erfüllt, schafft die Voraussetzungen für das Weiterkommen in Beruf und Gesellschaft.

Vor allem die Aufnahme in eine Universität, das College oder andere Hochschulformen ist für die meisten südkoreanischen Eltern das Maß aller Dinge für ihre Kinder. Davon hängt weit stärker als in anderen Ländern die Zukunft ab, nicht nur bei den Berufschancen. Je renommierter die Hochschule, desto größer sind die Chancen, einen reichen Partner zu heiraten. Für das Erreichen des ersehnten Ziels geben die Eltern viel Geld aus. Die Ärmeren müssen dafür oft alle finanziellen Reserven opfern.

14 bis 16 Stunden tägliche Lernzeit sind für Oberschüler keine Seltenheit, um die Uni-Aufnahmeprüfung zu schaffen. Wenn der offizielle Unterricht vorbei ist, lernen Koreas Schüler weiter in "Vorbereitungsklassen" oder bei Privatlehrern ("kwaoe"). Dafür geben die Eltern mehr als 200 000 Won (350 Mark) monatlich aus - die Grenze ist nach oben offen.

Die meisten Südkoreaner verteidigen ihr Erziehungssystem. Der hohe Bildungsstand und der Fleiß der Menschen hat nach den Kriegszerstörungen im 20. Jahrhundert erheblich zum Wirtschaftswunder beigetragen. Auf der anderen Seite setzt - ähnlich wie im Nachbarland Japan - das auf Prüfungen ausgerichtete System die Kinder unter hohen Erfolgsdruck. Experten kritisieren auch, dass die "Examenshölle" zu eindimensionalem Lernen führe und die Kreativität dabei auf der Strecke bleibe.

Kanada: Schulentwicklung als Programm

Noch vor vier Jahren fielen 30 Prozent der Grundschüler durch, wenn es an Kanadas zwei Musterschulen ans Lesen ging. Seitdem haben Reformprogramme in allen Provinzen des Landes phänomenale Ergebnisse erbracht. In den beiden Schulen von Chase und Kamloops unweit Vancouver (British Columbia) wendete das streng strukturierte Grundlagenprogramm "Back-to-Basics" das Blatt.

Die Abkehr von der Ganzwortmethode übertraf alle Erwartungen: Im Mai schafften 93 Prozent der Erst- und Zweitklässler den gleichen Lesetest mit den Noten 1 oder 2. Allerdings scheuen sich die Kanadier auch nicht, ihre Schulen mit Zuckerbrot und Peitsche voranzutreiben.

So gab Bildungsministerin Janet Ecker 16 Schulen in ihrer Provinz Ontario fünf Millionen kanadische Dollar (knapp sieben Millionen Mark). Dafür mussten Rektoren, Lehrer, Eltern- und Gemeindevertreter sich zu einem "Verbesserungsteam" zusammenschließen und gemeinsam gegen die Leseschwäche ihrer Pennäler vorgehen. Der Fortschritt wird von der Ministerin kontrolliert.

Lehrer werden in Ontario auch durch das neue Gesetz, "Qualität im Klassenzimmer" unter Druck gesetzt. Die Leistung neuer Lehrer wird zweimal jährlich überprüft. Erfahrene Kollegen sind alle drei Jahre dran. Und im Fünf-Jahres-Turnus werden alle Lehrer zurück auf die Schulbank gebeten, um ihr Wissen und ihre Fähigkeiten im Umgang mit den Schülern aufzupolieren. Weiterbildung ist somit fest verankert worden.

Die Kinder im abgelegenen Norden des Landes erreichen die Kanadier seit fünf Jahren mit einem Schulprogramm, das online-Unterricht vom Kindergarten bis zum High-School-Abschluss nach der 12. Klasse anbietet.

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