Gesundheit : Pisa und die Folgen: Was tun nach dem Pisa-Schock?

Die Kultusminister haben sich am Mittwochabend auf erste Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler bei der internationalen Schulleistungsuntersuchung Pisa verständigt. Sie wollen künftig schon im Vorschulalter das Sprachvermögen der Kinder stärker fördern. Die Kinder sollen auch früher eingeschult werden. Die engere Zusammenarbeit von Vor- und Grundschulen soll das ermöglichen, sagte eine Sprecherin der Kultusministerkonferenz (KMK) in Bonn dem Tagesspiegel.

konferenz (KMK) hat am Mittwochabend auf einer Sondersitzung in Bonn erste Konsequenzen aus der Schulleistungsstudie "Pisa" angekündigt. Dazu gehören mehr Förderung für lernschwache wie für besonders begabte Schüler, mehr Beratung und Hilfe bei der Schulwahl und bei der Wiederholung einer Klasse. Auch soll die Lehreraus- und -weiterbildung grundlegend reformiert werden, auch damit "schwache Leser" unter den Schülern rechtzeitiger gefördert werden können.

Über diese Maßnahmen besteht nach Angaben der KMK-Präsidentin, Baden-Württembergs Schulministerin Annette Schavan (CDU), auch mit den Lehrerorganisationen weitgehend Einigkeit. Das KMK-Präsidium war vor der Sitzung mit den Lehrer-Vertretern zusammenkommen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigte sich dagegen "bitter enttäuscht" von dem Gespräch. Die Mehrzahl der Kultusminister sei nicht bereit, die in Deutschland unzureichende Förderung von Kindern aus einkommensschwachen Familien "ernsthaft anzugehen", erklärte die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange. Die KMK wolle "die soziale Frage zum Tabu erklären". Lediglich Rheinland- Pfalz und Niedersachsen hätten Interesse an Modellversuchen mit einer größerer Durchlässigkeit und besserer Förderung sozialschwacher Schüler gezeigt.

Die "Pisa"-Studie zeigt auf, dass der Schulerfolg in Deutschland wie in keinem anderen Industriestaat abhängig vom Einkommen der Eltern ist. Die Schulforscher machen dafür auch die zu frühe Aufteilung der Kinder im zehnten Lebensjahr auf Haupt-, Realschule und Gymnasium verantwortlich, ebenso unzureichende Aufstiegsmöglichkeiten für gute Haupt- und Realschüler. Außer in Deutschland gibt es diese frühe Selektion nur noch in Österreich. In allen anderen Ländern lernen die Kinder neun Jahre gemeinsam in einer Klasse.

Die schlechte Schulbildung vieler junger Berufseinsteiger kostet die Bundesanstalt für Arbeit (BA) nach Angaben ihres Präsidenten Bernhard Jagoda jährlich rund sieben Milliarden Mark (3,58 Mrd Euro) an Fortbildungskosten. "Das ist ein halber Beitragspunkt bei der Arbeitslosenversicherung", sagte Jagoda mit Blick auf das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei "Pisa". Um die Berufschancen von Schulabgängern zu verbessern, müssten die Arbeitsämter in großem Maße junge Leute nachqualifizieren. Auch nähmen die Klagen der Wirtschaft über die wachsende "Berufsuntauglichkeit" junger Menschen zu.

Der Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, der die deutsche "Pisa"-Auswertung betreute, macht vor allem die mangelnde Weiterbildung von Lehrern und fehlende pädagogische Konzepte an den Schulen für das schlechte deutsche abschneiden verantwortlich. "Die systematische Professionalisierung der Lehrer ist der Schlüssel", sagte Baumert in Düsseldorf. Wichtigstes Ziel müsse es sein, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen, der in Deutschland am stärksten zu Tage getreten war, zu entkoppeln.

Rückschlüsse auf unterschiedliche Leistungsstandards innerhalb Deutschlands lasse die Studie nicht zu, stellte Baumert fest: "Die Schulstrukturfrage stellt sich nicht ernsthaft." Gute Leistungen könnten sowohl in zentralistisch als auch in föderalistisch organisierten Bildungssystemen gleichermaßen erbracht werden. Die festgestellten Mängel bei den Schlüsselkompetenzen 15-jähriger Schüler seien "teilweise unabhängig von politischen Verantwortlichkeiten", bilanzierte der Bildungsforscher.

Nach Ansicht von Bundespräsident Johannes Rau dürfen die Schulen in Deutschland nicht einfach die Kriterien der Wirtschaft übernehmen. "Wir orientieren uns zu sehr an Wirtschaftsdaten und zu wenig an einem Wertekanon", sagte Rau beim Besuch eines privaten Gymnasiums in Rostock. Mit Blick auf "Pisa" verwies Rau auf die guten Bedingungen für Lehrer und Schüler in Deutschland. "Wenn als Ergebnis nur Platz 25 rauskommt, dann stimmt da was nicht." dpa th yydd and

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben