Gesundheit : Planet Aids

14000 neue Infektionen täglich: Die Immunschwäche breitet sich weiter aus – aber es gibt auch gute Nachrichten

Hartmut Wewetzer

1. DEZEMBER 2003 – EIN TAG IM ZEICHEN EINER KRANKHEIT

20 Jahre ist es her, dass ein Forscherteam um Luc Montagnier vom Pariser Pasteur-Institut das Aids-Virus entdeckte. In diesen zwei Jahrzehnten hat die Erforschung und Behandlung der Immunschwäche-Krankheit große Fortschritte gemacht. Und doch blieb der entscheidende Durchbruch aus. Es gibt mittlerweile sehr gute Medikamente, aber keine Heilung. Ist das Virus in den Körper eingedrungen, bleibt es für immer. Aids, das zu Beginn der 80er Jahre als Gesundheitsproblem weißer schwuler Männer in westlichen Großstädten galt, ist zu einer weltweiten Seuche geworden. Jeden Tag soll das Virus 14000 Menschen befallen.

„Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die globale Aids-Epidemie zurückgeht“, teilt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum heutigen Welt-Aids-Tag mit. Die WHO schätzt die Zahl der mit dem Aids-Erreger HIV Infizierten auf 40 Millionen. 2002 gingen die Experten von 42 Millionen aus, der scheinbare Rückgang ist aber nur der genaueren Schätzung für 2003 geschuldet. 2003 sollen sich fünf Millionen infiziert haben, drei Millionen wurden Opfer des Virus.

In Deutschland leben nach einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts etwa 40000 bis 45000 Menschen mit einer HIV-Infektion. Jedes Jahr stecken sich rund 2000 Personen an, 600 bis 700 sterben an den Folgen von Aids. Und obwohl auch diese Zahl noch hoch ist, wenn man berücksichtigt, dass ein Schutz durch Kondome möglich ist, sind vergleichbare Länder deutlich härter betroffen. So gehen die USA von 40000 neuen Infektionen pro Jahr aus.

Aus den Schlagzeilen ist Aids hier zu Lande weit gehend verschwunden. Vielleicht ein Grund dafür, dass das Robert-Koch-Institut „seit Mitte der Neunzigerjahre einen allmählichen Rückgang des Kondomgebrauchs und eine Zunahme von sexuellen Risikokontakten“ feststellt. Ein weiteres Problem sind resistente Viren. Das sind Aids-Erreger, die den verfügbaren Medikamenten trotzen und die sich bei ungeschützten Sexualkontakten weiterverbreiten. Das Robert-Koch-Institut nimmt an, dass jeder sechste sich mit solchen Viren ansteckt.

Bis heute kann man gegen Aids nicht impfen. 2003 gab es zudem ein herben Rückschlag. Erstmals wurde ein Impfstoff namens „Aidsvax“ bei 7500 Freiwilligen aus Risikogruppen in den USA, Europa und Thailand getestet. Das Ergebnis war enttäuschend. Aber es gab auch einen Lichtblick: Enfuvirtide (Handelsname Fuzeon, vorher bekannt als T-20), ein neuartiges Aids-Medikament, wurde in Europa und den USA zugelassen. Das Mittel verhindert das Eindringen des Virus in die Wirtszelle und wirkt auch bei Patienten, bei denen herkömmliche Mittel bereits versagen.

Enfuvirtide ist die erste große Innovation in der Aids-Medizin seit 1996. Aber es ist nur aufwendig herzustellen, die Jahreskosten pro Patient können sich auf 10000 Euro summieren. Nimmt man die anderen Arzneien hinzu, können so Kosten von 30000 Euro pro Jahr entstehen. Damit ist klar, dass Betroffene in Entwicklungsländern nicht von dieser Therapie profitieren. In Nationen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen aber leben 95 Prozent der Infizierten.

Peter Piot, Chef des UN-Aids-Programms Unaids, findet deutliche Worte: „Die schlimmsten sozialen und ökonomischen Folgen kommen noch." In der am ärgsten betroffenen Region, dem südlichen Afrika, gilt jeder fünfte Erwachsene infiziert. Neue Infektionswellen bedrohen zudem China, Indien (hier soll es schon 4,5 Millionen Infizierte geben), Indonesien und Russland, hier vor allem durch Drogenmissbrauch mit unsauberen Spritzen und ungeschützten Sex. „Viele Länder nehmen Aids nicht ernst genug - vor allem Russland“, kritisiert Piot.

In Afrika wächst unterdessen eine Generation von Waisen heran. Mehr als elf Millionen Kinder haben Vater oder Mutter – oder manchmal beide – durch die Immunschwäche verloren. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen es 20 Millionen sein, prophezeit ein Bericht der Kinderstiftung der Vereinten Nationen. In Uganda hilft eine Nichtregierungsorganisation namens „Plan“ Familien, mit dem drohenden Tod umzugehen. Kinder, die bald ihrer Eltern beraubt werden, legen „Erinnerungsbücher“ an, die ihnen später über Vater und Mutter Auskunft geben sollen.

Aber es gibt auch gute Neuigkeiten. Vor kurzem verabschiedete die Regierung Südafrikas einen Langzeitplan zur Versorgung kranker Bürger mit Aidsmedikamenten. Wenn er gelingt, werden viele Kinder ihre Eltern nicht so rasch verlieren und zum Beispiel die Schule abschließen können. Ermöglicht hat das der vielleicht größte Fortschritt der letzten Jahre: dank verschiedener Initiativen konnte der Preis für Aidsmittel um 95 bis 99 Prozent gesenkt werden.

Den Schlüssel für die Lösung des globalen Aids-Problems hat die Politik in der Hand. Allmählich findet das Thema die Beachtung, die ihm gebührt. 4,7 Milliarden Dollar fließen in diesem Jahr in Förderprogramme zur Bekämpfung der Seuche. Das ist 23mal soviel wie 1996. Für den UN-Experten Peter Piot ein ermutigendes Zeichen, auch wenn es nur halb so viel ist, wie Ökonomen für erforderlich halten. Die Welt erwacht – nach 20 Jahren.

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