Gesundheit : Platonische Affenliebe

Orang-Utan-Weibchen pflegen Freundschaften mit älteren Männchen, um sich gegen Vergewaltiger zu schützen

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Von Rolf Degen

Auch für die Affen, unseren nächsten Verwandten im Tierreich, ist das Liebesspiel kein Kinderspiel. Bei den Orang-Utans, den rötlichen „Waldmenschen“ aus den Regenwäldern von Sumatra und Borneo, zwingen heranwachsende Männchen die Weibchen gewohnheitsmäßig zum Geschlechtsverkehr. Nach neuen Beobachtungen gehen die notorischen Einzelgängerinnen deshalb sogar spezielle „platonische“ Freundschaften mit männlichen Beschützern ein.

Erwachsene Orang-Utan-Männchen erreichen ein Körpergewicht von 90 Kilogramm, womit sie die Weibchen um das Doppelte übertreffen. Lange Zeit glaubte man, dass die jungen Männchen mit 12 bis 14 Jahren ihre endgültige „Kleiderschrank-Statur“ ausbilden. Doch die Forschungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass viele Männchen ihre gesamten Teenagerjahre als „Halbstarke“ zubringen. Wenn sich dominante männliche Artgenossen in der Umgebung aufhalten, friert die körperliche Entwicklung der Jungtiere vorübergehend ein, stellen die beiden US-Biologen Anne Nacey Maggioncalda und Robert M. Sapolsky im Wissenschaftsmagazin „Scientific American“ fest.

Obwohl sie sich durch ihr kindliches Äußeres als harmlos und unterwürfig tarnen, weisen diese Männchen die für erwachsene Männchen typische Konzentration der Sexualhormone auf. Vermutlich handelt es sich bei dem Entwicklungsrückstand um ein gezieltes Täuschungsmanöver, das körperlich unterlegenen Männchen in der bedrohlichen Anwesenheit erwachsener Geschlechtsgenossen einen alternativen Zugang zu Fortpflanzungschancen verschafft.

Treffs zur Paarung

Allerdings sind geschlechtsreife Orang-Utan-Weibchen nur für ausgewachsene Männchen sexuell empfänglich. Die Tiere leben relativ einzelgängerisch, und die Geschlechter treffen sich normalerweise nur, um sich zu paaren. Ein Paar bleibt zusammen, bis das Weibchen schwanger wird. Dann entfernt das Weibchen sich, um die Jungen alleine aufzuziehen.

Die alternative Fortpflanzungsstrategie der Halbstarken besteht darin, den Geschlechtsverkehr mit Gewalt zu erzwingen. Der Begriff „Vergewaltigung“ sei durchaus angemessen, meinen die Autoren, zumal sich das attackierte Weibchen grimmig und mit verzweifelten Bissen gegen den Übergriff wehrt. Dabei stößt sie das Vergewaltigungsgrunzen aus, das bei keiner anderen Gelegenheit zu vernehmen ist. Bei einer Untersuchung in Borneo gehörten 144 der 151 von halbstarken Orang-Utan-Männchen vollzogenen Kopulationen in die Kategorie Vergewaltigung. Bei erwachsenen Männchen tritt diese Form der sexuellen Gewalt viel seltener auf.

Wie die Zoologin Elizabeth Fox von der Universität Princeton bei ihren Studien in Sumatra entdeckte, gehen empfängnisfähige Weibchen sogar platonische Freundschaften mit erwachsenen Männchen ein, die ihnen als Beschützer dienen. In den Phasen hoher Fruchtfülle, die mit einer Zunahme der sexuellen Übergriffe zusammenfielen, streiften viele Weibchen mit erwachsenen männlichen Weggesellen durch den Regenwald.

Den Halbstarken entzogen

Die Weibchen, die solchen Begleiter an ihrer Seite hatten, konnten sich viel häufiger den Übergriffen der Halbstarken entziehen. In 44 Prozent der Fälle von versuchter Vergewaltigung trieb der männliche Kumpan die sexuellen Angreifer in die Flucht. Obwohl auch alleine reisende Weibchen Widerstand leisteten, war diesem normalerweise kein Erfolg vergönnt.

Weibchen gewinnen durch diese Strategie Sicherheit. Unklar ist jedoch, was diese Art der Liaison dem Männchen bringt. Falls die Weibchen Schwestern oder Nichten sind, handelt es sich, evolutionsbiologisch ausgedrückt, schlicht und einfach um „Verwandtschaftsselektion“. Andernfalls steckt vielleicht hinter der bloßen platonischen Fassade des Männchens mehr. Die Lust an der Gegenwart des Weibchens, die mit der Hoffnung auf eine Vertiefung der Beziehung verbunden ist.

Maggioncalda und Sapolsky warnen davor, aus dem Verhalten der halbstarken Orang-Utans die Schlussfolgerung abzuleiten, dass die Vergewaltigung eine natürlich Basis besitzt und somit letztlich unausweichlich ist. Zum einen sind diese Menschenaffen die einzigen nichtmenschlichen Primaten (Herrentiere), bei denen die erzwungene Kopulation eine typische Fortpflanzungsstrategie darstellt.

Zum andern hebt sich die äffische Form der Vergewaltigung durch einige entscheidende Merkmale von ihrem Pendant beim Menschen ab. So wurde noch nie beobachtet, dass ein Orang-Utan-Männchen einem Weibchen beim Geschlechtsverkehr vorsätzlich Verletzungen zugefügt hätte.

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