Gesundheit : "Plötzlich war der Morgen da": Ein Bündnis gegen Krebs

Adelheid Müller-Lissner

Als Katrin S. zum ersten Mal beschließt, mit einem geliebten Menschen zusammenzuziehen und das Leben mit ihm zu teilen, ist sie vierzig Jahre alt und leidet an Multipler Sklerose. Die gefragte Ausstellungsmacherin und ihre Freundin haben für kurze Zeit ein aufregendes berufliches und privates Leben. Mit welcher Wucht eine zweite Krankheit in die glückliche Zweisamkeit einbricht und sie schließlich zerschneidet, beschreibt die Lebensgefährtin als Ich-Erzählerin. "Plötzlich war der Morgen da" (Fischer-Taschenbuch, Dezember 1999, 16 Mark 90) ist ein sehr persönliches Tagebuch. Die Autorin Marietta Stein ist studierte Medizinerin, war aber auch jahrelang als Rektorin an verschiedenen Schulen tätig.

Brustkrebs ist die häufigste Krebsdiagnose von Frauen im mittleren Lebensalter. Zahlreiche Sachbücher und Erfahrungsberichte zum Thema sind in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt erschienen. Vor allem das sehr direkte, mutige, coole und stellenweise auch bewusst komische Buch der jungen englischen Journalistin Ruth Picardie, die an Brustkrebs starb ("Es wird mir fehlen, das Leben"), hat zu Recht Aufsehen erregt.

Marietta Stein geht jedoch anders mit dem Thema um. Zwar beschreibt auch sie einen Kampf. Im Unterschied zu anderen Autoren gibt sie ihn jedoch auch dann nicht auf, als er längst verloren ist. Sie lehnt sich auf, sie will sich dem Tod nicht fügen. Das gibt ihr, als Begleiterin der Geliebten, mehr Kraft als allen Freunden und Verwandten zusammen: Immer wieder informiert sie sich (und damit auch den Leser) aufs Genaueste, immer wieder setzt sie alle Hebel in Bewegung, um die beste Therapie für die Freundin verfügbar zu machen.

Bis zuletzt leugnet sie die Macht ihres ärgsten Gegners, des Todes, der ihr das Liebste endgültig nehmen will. Wenn die Krankenschwester ihr in der letzten Nacht gut zuredet: "Sie müssen jetzt die Hand Ihrer Freundin loslassen, sonst wird sie nicht gehen wollen. Machen Sie es doch sich und ihr nicht so schwer!", so wird der Leser diese behutsam vorgebrachte Mahnung nach so langem und aufopferungsvollem Kampf der Ich-Erzählerin teilen.

Doch das Problematische an deren extrem kämpferischer Haltung schmälert nicht, sondern erhöht sogar den Gewinn beim Lesen. Mit ihrer radikalen Verweigerung des "Los-Lassens" liegt Marietta Stein natürlich nicht im Mainstream der einschlägigen Veröffentlichungen. Die Endgültigkeit des Todes, vor allem aber auch die Stärke ihrer Liebe machen ihre Hartnäckigkeit verständlich. Auf jeden Fall geben sie ihrer entschiedenen Position Gewicht.

Trotz der Extreme ist dies eine Geschichte, in der sich viele Angehörige von Krebskranken, ob Frauen oder Männer, über weite Strecken wiederfinden werden. Dass es zwei Frauen sind, die hier den Bund fürs Leben eingingen, wird angesichts des Kampfes gegen den Tod fast zur Nebensache.

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