Gesundheit : Pocken: Virus aus der Asche

Hermann Feldmeier

Eigentlich sollte der 30. Juni 1999 der Höhepunkt einer medizinischen Erfolgsstory werden, eines grandiosen Triumphs der Biomedizin: die letzten Vorräte von Pockenviren sollten vernichtet werden. Die von Medizinern auch als Variola-Viren bezeichneten Erreger lagern seit mehr als zwei Jahrzehnten als Relikte einer vergangenen Epoche in den Tiefkühltruhen der amerikanischen Centers for Disease Control in Atlanta und der russischen Vector-Laboratorien in Nowosibirsk.

Doch aus dem feierlichen Schlussakt für einen Krankheitserreger, der die Menschheit seit mehr als 2500 Jahre begleitet, wurde nichts. Die amerikanische Regierung ignorierte die Forderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Weitere Forschung sei noch nötig, lautetet die Begründung.

Frist bis Ende 2002

Die WHO setzte eine Expertenkommission ein, die die Fortschritte bei der Erforschung des Variola-Virus überprüfen sollte und verlangte, dass die beiden Einrichtungen mit den verbleibenden Restbeständen der hochinfektiösen Erreger ihre Forschungsaktivitäten miteinander abstimmen sollten. Als Frist für den Abschluss der Arbeiten wurde der 31.12.2002 festgelegt, dann müssten die Pockenviren ein für alle Mal aus den Hochsicherheitslabors verschwinden.

Ob dieser Termin eingehalten wird, ist im Licht der terroristischen Anschläge vom 11. September ausgesprochen fraglich. Erscheint doch die Argumentation, zusätzliche Forschung sei notwendig, als ausgesprochen fadenscheinig. Der eigentliche Grund für die Absage an die WHO war offensichtlich die Angst der USA, dass Terroristen heimlich aus russischen Tiefkühltruhen abgezweigte Pockenerreger als Biowaffen einsetzen könnten.

Diese Befürchtung hat durch die jüngsten Anschläge mit Milzbranderregern (Anthrax) in Florida, Nevada und New York ihre Berechtigung erhalten. Und im Nachhinein wird klar, dass die Gesundheitsbehörden der USA einfach Zeit gewinnen wollten, um Gegenmaßnahmen für den Fall zur Hand zu haben, dass Pocken bei einem bioterroristischen Ansatz gezielt freigesetzt werden.

Zunächst überprüfte die Medizinische Hochschule von St. Louis die rund 15 Millionen Dosen an "Dryvax"-Impfstoff, die seit 20 und mehr Jahren in staatlichen Depot lagern. Die Untersuchungen zeigten, dass zumindest die zuletzt hergestellten Chargen ihre Wirksamkeit behalten hatten. Daraufhin wurde ein auf den ersten Blick obskur anmutendes Experiment angeordnet: 20 Probanden erhielten den Impfstoff unverdünnt, je 20 weitere die Vakzine in einer Verdünnung von eins zu zehn beziehungsweise eins zu hundert in physiologischer Kochsalzlösung.

Das Verdünnungsexperiment hat folgenden Hintergrund: ein Vorrat von 15 Millionen Impfdosen reicht nicht, um bei einem zielgerichteten terroristischen Anschlag - beispielsweise durch Freisetzung von Pockenviren als Aerosol in der U-Bahn von New York - einen ausreichend großen Teil der Bevölkerung vorbeugend impfen zu können. Dabei geht man davon aus, dass jeder Infizierte innerhalb von zwei Wochen 25 weitere Personen ansteckt. Würde der noch vorhandene Impfstoff dagegen auch in verdünnter Form zuverlässig vor einer Pockenerkrankung schützen, hätte man eine beruhigende Reserve.

Beispielloser Großauftrag

Mittlerweile ist klar, dass der alte Dryvax-Impfstoff auch nur als Zwischenlösung gedacht war. In einem für die pharmazeutische Industrie beispiellosen Auftrag bestellten die Centers for Disease Control Anfang 2001 bei der Firma OroVax Inc. in Cambridge, Massachusetts 40 Millionen Dosen einer neuen Generation von Pocken-Impfstoff. Die ersten Chargen müssten bis Mitte 2004 geliefert werden. Dafür erhält die Firma 343 Millionen Dollar zuzüglich der Entwicklungskosten. Diese 40 Millionen Impfdosen sollen ausschließlich dem Schutz der Zivilbevölkerung dienen und in regelmäßigen Abständen erneuert werden.

Dem amerikanischen Staatssekretär für Gesundheit, Tommy Thompson, ist das nun offensichtlich nicht schnell genug. Im Gesundheitsausschuss des Senats sagte er kürzlich, seine Behörde werde alles daran setzen, dass die 40 Millionen Impfdosen bereits Mitte 2002 zur Verfügung stehen.

Vorräte fürs Pentagon

In der Zwischenzeit hat auch das Pentagon die Notwendigkeit erkannt, sich elf Jahre, nachdem die Pockenimpfung bei Soldaten abgeschafft wurde, erneut mit Impfstoffvorräten einzudecken. Über die Anzahl der Impfdosen und die Höhe der Kosten ist allerdings nichts bekannt.

Die amerikanischen Wissenschaftler haben die Zeit genutzt, um die Forschung am Variola-Virus auf ein maximales Niveau zu bringen. Von den 451 beim CDC in Atlanta vorhandenen Virusproben wurden 49 ausgewählt, die von Pockenkranken in Asien, Afrika, Südamerika, Nordamerika und Europa stammten. Das ist eine repräsentative Auswahl an Pockenviren aus der Zeit, als der Erreger noch auf natürliche Weise eine weltweite Bedrohung war. Bei drei Isolaten ist mittlerweile der genetische Code vollständig, bei drei weitern zum größten Teil geklärt. Auch die Erbsubstanz der weniger bekannten Mitglieder der Pockenviren-Familie (das Affenpockenvirus, das Kamelpockenvirus und das Windpockenvirus) wurde mittlerweile weitgehend durchleuchtet.

Zudem wurden 274 chemische Substanzen auf ihre Wirksamkeit gegen das Variola-Virus getestet. Eine Substanz namens Cidofovir, die ein DNS-Polymerase genanntes Schlüsselenzym des Erregers inaktiviert, zeigte sich dabei als ausgesprochen wirksam. In Erwartung, dass von Terroristen unter Umständen genetische veränderte Pockenviren als Biowaffen eingesetzt werden, reichte dieser Erfolg den amerikanischen Gesundheitsbehörden allerdings nicht. Die systematische Suche nach chemisch analogen Substanzen von Cidofovir führte zu einer völlig neuen Klasse von Medikamenten,die sowohl das "Variola" als auch andere Pockenviren abtöten, und die bis zu 150 Mal wirksamer sind als Cidofovir.

Um die neuen Medikamente dieser Substanzen unter möglichst echten Bedingungen überprüfen zu können, wurde in den Hochsicherheitslabors von Atlanta mit Hochdruck nach einem geeigneten Tiermodell gesucht (bislang war man davon ausgegangen, dass das Variola-Virus sich nur im Menschen vermehren kann). Dabei zeigte sich, dass Cynomolgus-Affen - wenn über die Atemwege mit Pockenviren infiziert - unter ähnlichen Symptomen erkranken wie Menschen. Diese Affenart bietet sich also an, die Wirksamkeit neuer Medikamente und auch der in Entwicklung befindlichen Impfstoffe zu überprüfen.

Vollautomatische Schnelltests

Schließlich wurde eine Reihe vollautomatischer Testverfahren entwickelt, um zuverlässig und schnell mehrere Tausende von Blutproben untersuchen zu können: ein Tribut an mögliche Schreckensszenarien, in denen die Gesundheitsbehörden innerhalb kürzester Zeit entscheiden müssen, welche Teilnehmer, beispielsweise einer Großveranstaltung, auf die ein bioterroristischer Anschlag verübt wurde, in Quarantäne genommen werden müssen.

Summa summarum extrem viel Aufwand für einen Krankheitserreger, den selbst Medizinhistoriker schon ad acta gelegt hatten, und für den, geht es nach der WHO, in zwölf Monaten das endgültige Aus besiegelt sein soll. Vermutlich werden jedoch die Pocken, die "Mutter aller Seuchen", auch über das Jahr 2002 noch für manche unangenehme Überraschung gut sein.

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