Gesundheit : Podiumsdiskussion über den Wissenschaftsstandort Berlin-Potsdam in der Humboldt-Universität

Heiko Schwarzburger

Nach den Wahlen gibt es Gedankenspiele in der CDU, im künftigen Berliner Senat die Hochschulen von der Forschung zu trennen. Dagegen laufen Wissenschaftler und Politiker Sturm. "Die beiden Bereiche auseinander zu reißen, ist einfach absurd", kommentierte Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz auf einer gemeinsamen Podiumsdiskussion des Tagesspiegels und der Humboldt-Universität. Manfred Erhardt, Generalsekretär des Stifterverbandes der deutschen Wissenschaft, meinte: "Die Einheit von Forschung und Lehre ist das Grundprinzip der Hochschulen. Ohne sie wäre die Vernetzung der Hochschulen mit der Wirtschaft kaum noch möglich."

Staatssekretär Ingolf Hertel forderte ein Zukunftsressort, in dem Wissenschaft und die Technologie in einer Hand liegen. "Die Technologieförderung kennt heute bereits die Anreizsysteme, die in der klassischen Forschungsförderung noch fehlen." Dem stimmte der erste Vizepräsident der Technischen Univiersät, Kurt Kutzler, zu. Auch er sieht in einer Zusammenführung von Wissenschaft und Technologie ein Konzept für die Zukunft, aber nur unter der Voraussetzung, dass Wissenschaft und Forschung nicht voneinander getrennt werden.

Doch nicht nur die Ressortverteilung des neuen Senats beherrschte das Gespräch. "Im kommenden Jahr erreichen wir die Talsohle unserer finanziellen Ausstattung", stellte Hans Meyer, Präsident der Humboldt-Universität, in Aussicht. Er umriss erneut die Folgen, wenn aus den Berliner Hochschulen bis zum Jahr 2003 nahezu eine Milliarde Mark herausgespart werden. "Ab 2001 wird das Land die Pensionslasten und tariflichen Steigerungen bis 1,5 Prozent übernehmen." Wirklichen Spielraum hätten die Hochschulen erst nach 2015, wenn der personelle Überhang abgebaut sei. Der Großen Koalition billigte er immerhin zu, in der vergangenen Legislaturperiode die meisten Paragraphen des Berliner Hochschulgesetzes für Experimente freigegeben zu haben - das sei ein Gewinn gewesen. Tagesspiegel-Redakteur Uwe Schlicht bescheinigte dem bisherigenSenat einen gewissen Gestaltungswillen, wenn es auch viel zu lange gedauert habe, bis "die Kämpfe zwischen SPD und CDU" um Prioritäten und die künftige Rolle der Wissenschaft zugunsten positiver Lösungen beendet werden konnten.

Nach Jahren des Zögerns bekennt sich die Humboldt-Uni zum Umzug der Naturwissenschaften nach Adlershof. "Die Verlagerung der Institute in nur fünf Jahren ist eine enorme Leistung", resümierte Meyer. Rolf Scharwächter, Generalbevollmächtigter für Adlershof, bekräftigte: "Die HU, die Fraunhofer-Gesellschaft und die Forschungsinstitute der Helmholtz-Gesellschaft sind die Basis für das Adlershofer Konzept." Allerdings seien die dort versammelten Institute in einigen Gebieten "international noch nicht wettbewerbsfähig." Er monierte, dass der Wissenschaftsstandort Berlin langsam an eine Grenze stößt: "Ideen und Kapital sind ausreichend vorhanden. Was fehlt, sind die menschlichen Ressourcen. Wenn Berlin bei nur 85 000 Studienplätzen bleibt, wird es schwer, die Gründerhauptstadt Deutschlands zu werden."

Auch HU-Präsident Hans Meyer forderte, die Begrenzung der Studentenzahlen zu überdenken. "Was ist wertvoller als junge Leute in dieser Stadt?" fragte er. "Über 40 Prozent unserer Studenten kommen von außen. Sie verzehren rund 1500 Mark im Monat, das ist eine ungeheure Kaufkraft." Doch entscheidend sei das Potential, das durch die Studienplätze langfristig an Berlin gebunden werden kann: "Die größten Zeiten Berlins waren Zeiten des massiven Zuzugs."

Uwe Schlicht monierte, dass Berlin bei der Einführung neuer Studiengänge mit dem Bachelor- und Masterabschluss hinter der allgemeinen Entwicklung in Deutschland hinterherkinke. Der HU-Student Tobias Postulka gab zu bedenken, dass auch bei kürzeren Studiengängen mit Bachelor-Abschluss den Studenten ausreichend Wahlmöglichkeit für zusätzliche Fächer bleiben muss. Detlev Ganten, Leiter des Max-Delbrück-Centrums, möchte die Studiengänge eher inhaltlich reformieren - und das kann genauso gut bei Magister- und Diplomstudiengängen geschehen. "Unsere Studenten müssen künftig interdisziplinär ausgebildet werden", sagte er. "Das ist keine Frage des Titels sondern der Überschreitung klassischer Fächergrenzen". Friedrich Buttler, Staatssekretär im Potsdamer Wissenschaftsministerium, sieht in Bachelor oder Master eine große Chance und unterstrich die vielen entsprechenden Initiativen der Brandenburger Hochschulen. "Allerdings ist noch zu klären, wie diese Studiengänge vom öffentlichen Dienst bewertet werden", meinte er."

Für Helmut Knüppel, Sprecher der Brandenburgischen Rektorenkonferenz, stellte heraus: Berlin und Brandenburg hätten gemeinsam die Chance, "den führenden Wissenschaftsstandort in Deutschland aufzubauen", wenn Politiker, Wirtschaft und Hochschulen die richtigen Entscheidungen treffen. Leider tut sich Berlin schwer, Investoren zu finden. Die Bayern zeigen, wie sich die Wirtschaft für die Hochschulen engagieren kann. Manfred Erhardt wies auf das Beispiel München hin: BMW hat in Garching die neue Maschinenbau-Fakultät der Technischen Universität gebaut.

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