Gesundheit : Poesie im Existenzkampf

Geisteswissenschaftliche Forschungszentren müssen sich öffnen

Steffen Richter

Die deutschen Geisteswissenschaften, so scheint es, sind wild entschlossen, Grenzen zu überschreiten. Interkulturalität, Interdisziplinarität, Internationalisierung – so heißen ihre neuen Fahnenwörter. Als Hüter der Tradition sollten sie Geschichtsbewusstsein stabilisieren, kulturelle Identität verankern, Orientierungen im Neuen geben oder gar zur guten alten Sinnstiftung herhalten. Alles Zukunftsträchtige blieb lange Zeit den Natur- und Technikwissenschaften überlassen.

Nun luden die Geisteswissenschaftlichen Zentren (GWZ) zu einer Bestandsaufnahme ihrer Arbeit in die Berliner Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt. Um „Perspektiven geisteswissenschaftlicher Forschung“ ging es, und auch ihre institutionellen Träger kamen auf den Prüfstand. Zu den GWZ zählen neben dem Zentrum für Literaturforschung, dem für Allgemeine Sprachwissenschaft und dem für den Modernen Orient in Berlin die Zentren für Zeithistorische Forschung und Europäische Aufklärung in Potsdam sowie das für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas in Leipzig. In ihrer jetzigen Form wurden sie 1996 mit einer Laufzeit von zunächst 12 Jahren gegründet. Damals ging es darum, einem „institutionellen Defizit“ abzuhelfen sowie Forschern von der Akademie der Wissenschaften der DDR die Weiterarbeit an ihren Projekten zu ermöglichen.

Relevanz nachweisen

Nun bemühen sich die Zentren nach Kräften, jenen „Relevanznachweis“ zu erbringen, den Peer Pasternack vom Berliner Wissenschaftssenat von ihnen forderte. Das Heil liegt offensichtlich in der Grenzüberschreitung. So wollen die Orientwissenschaftler durch die Konfrontation des Eigenen mit dem Fremden „Irritationsimpulse“ schaffen. Nicht länger möchte Aufklärungsforschung ihren Gegenstand „epochal musealisieren, sondern wirkungsgeschichtlich entgrenzen“. Während die Sprachwissenschaft Anschlussstellen an Philologie, Logik und Biologie sucht, macht sich die Literatur mit Enzensberger Gedanken über die „Poesie der Wissenschaft“. Und die Zeitgeschichtsforschung befindet sich im Zeichen der europäischen Osterweiterung auf dem Weg zu einer gesamteuropäischen Geschichtsschreibung. Am Ende des eindrucksvollen mentalen Mapping war allerdings die Frage des Fortbestands der GWZ über 2007 hinaus nicht geklärt. Vor allem die drei Berliner Zentren werden zu nur einem Drittel aus dem Landesetat finanziert. Der Rest muss über Drittmittel eingeworben werden. Von „krassen“ Strukturproblemen ist im Jahresbericht für 2001 die Rede. Die als Drittmittelgeber auftretende Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) sieht die den GWZ-Gründungsdokumenten eingeschriebene Nähe zur universitären Forschung nur unzureichend realisiert.

Auf Halbdistanz zur Gesellschaft

Angesichts der strukturellen Überlastung vieler Universitäten und insbesondere ihrer geisteswissenschaftlichen Fakultäten durch den Lehrbetrieb bleibt für das hehre Ideal fachübergreifender Forschung nur wenig Raum. Hier bilden autonome Forschungszentren eine nicht nur sinnvolle, sondern unverzichtbare institutionelle Ergänzung. Wollen die GWZ ihr Bestehen langfristig sichern, müssen sie künftig stärker in die Universitäten und die Gesellschaft ausstrahlen. Wie die Metapher der „Halbdistanz“, auf die man sich in Berlin als Konsensformel einigte, praktisch umgesetzt werden kann, wird an der Arbeit der nächsten Zeit zu messen sein.

Ermutigend ist zumindest, dass die Forderung der Politik, die Bedeutung der Geisteswissenschaften in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken, auch bei den Forschern auf Gegenliebe stößt. Gerade heute bietet sich den zu Kulturwissenschaften geweiteten Geisteswissenschaften Gelegenheit, den „Verlust ihres symbolischen Kapitals“ wettzumachen, von dem die Vorsitzende der Berliner Zentren Sigrid Weigel sprach. Immer stärker sind die Naturwissenschaften gezwungen, ihre nicht repräsentierbaren Erkenntnisse in Bilder zu kleiden. Dieser viel beschworene „iconic turn“ wäre die Steilvorlage, die es seitens der Geisteswissenschaften aufzunehmen gilt. Liegt deren Kompetenz doch nicht zuletzt darin, die Entstehungsbedingungen von Erkenntnis in ihrer „Dialektik von Wissen und Nichtwissen“ auszuleuchten.

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