Gesundheit : Politiker, Wissenschaftler und Vertreter der Weltreligionen diskutierten in Berlin

Torsten Krüger

Ein Teekessel, eine Dose mit fein pulverisiertem grünen Tee, ein paar Teeschalen und ein Tuch für eine symbolische Reinigung - mehr braucht der japanische Großmeister Sen Soshitsu nicht, um seinen Gästen den Zusammenhang von Frieden und Toleranz zu demonstrieren. "Toleranz," sagt der Großmeister, "bedeutet akzeptieren, einander annehmen, ein ausgewogenes Verhältnis herstellen." Darum ist bei der Teezeremonie jede Bewegung von Jahrhunderte alten Regeln gelenkt, um Harmonie und Frieden zu erreichen. Das gilt auch für die Gäste: Derjenige, der als erster die Teeschale aus den Händen des Gastgebers entgegennimmt, bedankt sich nicht nur, sondern entschuldigt sich gleichzeitig bei dem zweiten Gast dafür, dass er als erster zugreift.

Sen Soshitsus Vorführung einer Teezeremonie stand am Anfang eines Symposiums mit dem Thema "Religionen und Toleranz", dass in Potsdam und Berlin stattfand. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Japan in Deutschland" hatte das "Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin" Politiker, Wissenschaftler und Vertreter der Weltreligionen eingeladen, um zu prüfen, "welchen Beitrag das Thema Religion und Toleranz zur Überwindung der Gegensätze zwischen den Kulturen leisten kann," wie es der ehemalige japanische Botschafter Cato Tisati in seiner Grußadresse formulierte. Bereits in ihren einleitenden Reden steckten Bundesinnenminister Schily und der brandenburgische Ministerpräsidenten Stolpe allerdings das Terrain für einen kritischen Umgang mit dem Thema ab. Sie stellten heraus, dass Religionen nicht nur von der "Würde jedes Menschen wissen" und sich dafür eingesetzt haben (Stolpe), sondern dass sich Religionen mit Fanatismus, Hass und Voreingenommenheit auch "selbst untreu geworden sind" (Schily). Selbst die Vertreter der verschiedenen Religionen fanden in ihren Ausführungen wenig Hinweise auf einen unverbrüchlichen Zusammenhang von Religion und Toleranz. Im Gegenteil: Katayama Fumihiko, oberster Priester des Hanazono Shinto-Schreins in Japan, betonte, Religion sei von ihrem Ursprung her nicht tolerant. "Es gibt keine alleinige Wahrheit in der Welt," sagte Katayama, "aber Religion hat die Tendenz, den Menschen glauben zu machen, dass es eine solche Wahrheit gibt." Der Glaube an eine universelle Wahrheit berge gefährlichen Sprengstoff und Fanatismus in sich.

Bischof Wolfgang Huber von der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg sagte es noch deutlicher. Mit Blick auf die konfessionellen Bürgerkriege der Vergangenheit, aber auch auf die der Gegenwart - etwa in Nordirland und auf dem Balkan - spricht er von der "friedensgefährdenden Wirkung christlicher Religion". Toleranz gehöre zwar zum Wesen der Religion, kennzeichnend für ihre Geschichte sei aber offenkundig die Intoleranz. Hubers Fazit für das Christentum fiel deutlich negativer aus, als die des Islamwissenschaftlers Muhammed Khalid Masud von der Universität Leiden. Zwar fiel es Masud vor dem Hintergrund der Gewalt in Pakistan, Bosnien und Indonesien ebenso schwer, Toleranz direkt aus der Religion abzuleiten, er wies jedoch darauf hin, dass Toleranz im Islam eine lange Tradition habe. Schon im ersten muslimischen Gemeinwesen in Medina lebten Muslime, heidnische Araber und Juden friedlich miteinander und genossen vollständige religiöse Freiheit. Auch Gudrun Krämer von der Freien Universität Berlin unterstrich: "Der Islam ist besser als sein Ruf." In seiner Geschichte überwögen die Beispiele friedlichen Zusammenlebens mit den andersgläubigen Völkern eroberter Gebiete, auch Inquisition oder Hexenverfolgung gebe es nicht in der Geschichte des Islam.

Trotz seiner deutlichen Kritik schätzte Bischof Huber den Beitrag christlicher Theologie zu einem toleranten Menschenbild hoch ein. "Die neuzeitliche Toleranz verdankt sich einem theologischen Impuls: der Einsicht in die Toleranz des Gottes, der sich des Menschen unabhängig von seinen Verdiensten und Leistungen annimmt." Eine solche Einsicht könne auch im heutigen Europa helfen, Gewalt und Diskriminierung zu verhindern. Allerdings stelle heute "nicht die Anerkennung religiöser Minderheiten, sondern der Respekt gegenüber ethnischen und kulturellen Minderheiten das entscheidende Toleranzproblem der modernen europäischen Gesellschaften" dar. Die vorherrschende Ursache für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sah Huber nicht in Unterschieden des Glaubens, ebenso wenig wie in einem Mangel an Kenntnissen über andere Kulturen. Intoleranz entspringe in erster Linie aus einem Mangel an Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. "Nur wer sich der eigenen kulturellen Identität einigermaßen sicher ist, kann auch das Fremde annehmen." Das Selbstwertgefühl im modernen Europa leide beispielsweise am Fehlen eigener Überzeugungen und Gewissheiten ebenso wie an der Auflösung überkommener Arbeitsstrukturen. In den neuen Bundesländern entwickle sich aus der "Entwertung" von Lebensentwürfen nach 1989 eine "Sehnsucht nach einer nationalen Homogenität als vermeintlichen Alternative für Offenheit für andere Kulturen und Religionen."

"Des einen Wahrheit ist nicht des anderen Unwahrheit," mahnte Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum Abschluss des ersten Konferenztages. "In einer zusammenwachsenden Welt kommen wir nicht darum herum, anderen die Tür zu öffnen."

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