Gesundheit : Politischer Pragmatismusstatt sozialistischer Utopien

Akademiker wählen weniger links und mehr liberal – aber die Grünen gedeihen prächtig

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Von Amory Burchard

Akademiker wählen anders. Bei ihnen liegt die Union klar vor der SPD. Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen entschieden sich am Sonntag nur 30 Prozent der Hochschulabsolventen für die SPD, 34 Prozent stimmten für die CDU/CSU. Im amtlichen Endergebnis liegen die beiden großen Volksparteien jeweils bei 38,5 Prozent. Gefragt wurden die Wähler beim so genannten Exit Poll, also nach dem Verlassen der Wahllokale. Stark abweichend ist auch das Ergebnis für die Grünen: 18 Prozent der Akademiker wählten alternativ – knapp zehn Prozent mehr als im Gesamtergebnis (8, 6 Prozent). Auch FDP (9 Prozent) und PDS (7 Prozent) schnitten im Hochschulmilieu besser ab.

Bei Wählern mit einem hohen Bildungsabschluss, die aber nicht studiert haben müssen, sind die Verhältnisse für die großen Parteien allerdings umgekehrt. Wahlberechtigte mit Abitur wählten zu 38 Prozent die SPD, zu 34 Prozent die CDU/CSU. Für die Grünen entschieden sich in dieser Gruppe immer noch 13 Prozent. Zum Vergleich die Wähler mit Hauptschulabschluss: Von ihnen machten nur vier Prozent ihr Kreuz bei den Grünen, dafür 44 Prozent bei der SPD und 41 bei der Union. Infratest dimap hat ähnliche Zahlen ermittelt und schließt: „Grüne, FDP und PDS sind bei Wählern mit höherer Schulbildung (Abitur oder Studium) besonders erfolgreich.“ Die Berliner Wahlforscher fanden einen interessanten Unterschied zwischen den Geschlechtern heraus: „Die Grünen schneiden am besten ab bei Frauen mit Abitur, die FDP bei Männern mit Abitur.“ Nach den Daten der Forschungsgruppe Wahlen lagen die Freien Demokraten mit 11 Prozent bei unter 34-jährigen Wählern mit Hochschulreife vorn.

Gibt es an den Unis einen allmählichen Abschied von der Linken, einen stabilen Trend zu grünen Positionen und eine Lobby für liberal-konservative Überzeugungen? Tino Bargel von Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz beobachtet solche Strömungen im akademischen Milieu seit einigen Jahren. Zuletzt befragten Bargel und seine Mitarbeiter 2000/2001 rund 9000 Studierende bundesweit nach ihren politischen Einstellungen. Seit 1981 macht die Arbeitsgruppe solche Befragungen alle zwei bis drei Jahre, seit zehn Jahren auch in Ostdeutschland.

Sozialdemokratisches Denken, sagt Bargel, fände heute eher allgemeine Zustimmung als aktives Engagement. Dabei seien klassisch „linke“ Forderungen wie die Abschaffung des Privateigentums mittlerweile absolute Minderheitenpositionen. SPD und Grüne hätten nach der letzten Konstanzer Umfrage an Zustimmung verloren. Werte wie Solidarität und Umweltschutz seien hinter Wettbewerb und Sicherheitsdenken zurückgetreten. Jetzt scheine es, so Bargel, als kämen die Grünen an den Unis wieder deutlich besser an. Aktuelle Diskussionen über Klimaschutz, Globalisierung und Kriegseinsätze der Bundeswehr stärkten links-alternative Strömungen. Möglicherweise würden auch die in der Attac-Bewegung vereinten Globalisierungsgegner an den Hochschulen stärkeren Rückhalt finden. Ob Attac die Chance habe, zu einer mit der 68er-Generation vergleichbar starken Bewegung zu werden, sei noch unklar. Darüber entscheide letztlich die politische Großwetterlage.

Liberal-konservative Überzeugungen seien unter Ökonomen und Juristen stark vertreten, aber auch unter Studenten der Ingenieurwissenschaften. An diese Fakultäten habe sich die politische Energie und die Betätigung in Hochschulgruppen verschoben und von dort hätte vor allem die FDP starken Zulauf. Sozial- und Geisteswissenschaftler – früher Träger des „linken“ Protests – hätten sich von der politischen Bühne an den Hochschulen weitgehend zurückgezogen.

Bei den Hochschullehrern sei wie bei den Studierenden „der Pragmatismus eingekehrt“, sagt Tino Bargel. Auch die Professorenschaft denke – bezogen auf ihren Lehrauftrag und die Erwartungen an die Studenten – „in Kategorien der Effizienz“. Sie wollten weitaus weniger als noch Mitte der 80er Jahre in gesellschaftliche Debatten eingreifen. Die Gesellschaftskritik der Altlinken sei ohnehin weitgehend verstummt. In seinen Umfragen belegt findet Bargel allerdings ein neues Verhältnis von Studierenden und Hochschullehrern in politischen Debatten. Der politische Umgang miteinander werde als offener beschrieben. Die Professoren seien in Diskussionen weniger hierarchiebewusst. Eine gute Voraussetzung, glaubt Hochschulforscher Bargel, für eine neue politische Kultur an den Universitäten.

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