Gesundheit : Politologen sollen vor allem denken

Juliane von Mittelstaedt

Selten hat der Hörsaal A im Otto-Suhr-Institut seine bekannten Gesichter so feierlich gesehen. Die Wangen glänzen unter Rouge, bei den Wissenschaftlern blinken Manschettenknöpfe, um den Hals hängt manchem eine Krawatte. Eine Trompete schluchzt, mischt sich mit dem Stimmengewirr, das euphorisch und aufgeregt und gleichzeitig ein bisschen gedrückt ist: Das letzte Mal Uniluft schnuppern - und was nun? Wieder nimmt eine Generation von Studenten Abschied vom Otto-Suhr-Institut.

Anlass für einen Blick zurück: "Politik? Wie kannst du nur?" schildert die Absolventin Nina Wichmann die familiäre Empörung. Bundeskanzlerin werden? Oder Taxifahrerin? Ein Politikwissenschafter kann weder Häuser bauen noch Wunden nähen, keine komplizierten Formeln rechnen oder Computer programmieren. Was dann?

"Denken Sie" appelliert der Festredner Heiner Geißler an die versammelten Absolventen. Nach Renate Künast im vergangenen Sommer hat der Ex-Generalsekretär der CDU die Aufgabe übernommen, die Diplomanden würdig in die Welt der Politik zu entlassen. Mit Heiner Geißler redet einer, der sich in den letzten Jahren als Querdenker über die Parteibücher hinweg einen Namen machte, zur "Immigration als Herausforderung deutscher Politik". Die Ellenbogen abgespreizt lehnt er sich ans Rednerpult, konstatiert drei gebrochene Rippen bei einer "etwas wilden Abfahrt". Die Studenten quittieren es mit Heiterkeit. Vor dem Hintergrund des 11. Septembers müsse man althergebrachte Definitionen in der Ausländerpolitik überdenken, denn eine nationale Identität zu schaffen könne keineswegs mehr Ziel sein. In bekannter Querdenker-Manier reißt Geißler alle parteiinternen Debatten zum Zuwanderungsgesetz zwischen den Politikern Friedrich Merz, Edmund Stoiber und Roland Koch vom Tisch: Er sagt Ja zum Verfassungspatriotismus, Nein zur Leitkultur. Seiner eigenen Partei wirft er im selben Atemzug schwere Versäumnisse bei der Integration türkischer Jugendlicher vor, denen man keine "deutsche Identität" zugestanden habe. In seinen Augen sei, so Geißler, der zunehmende Islamismus in Deutschland eine direkte Folge dieser Ignoranz. Man versuche noch immer, Deutschland aus der Perspektive eines "völkischen Kollektivs" zu betrachten und die Ausländerpolitik diesem Credo anzupassen.

Mitnichten sollten sich sowohl die Politik wie die Bevölkerung nur aufs "Deutschtum" konzentrieren - das ist für Geißler in dem Land mit den meisten Nachbarstaaten kaum praktikabel. Ein Perspektivenwechsel sei nötig: "Ist ein Deutscher, der noch etwas anderes sieht als Deutschland, ein schlechter Deutscher?" Das waren Denkanstösse für die junge Generation der Politikwissenschaftler. Unter Beifall tritt er ab und räumt die Bühne für die Studenten, die ihre Diplomurkunden erhalten.

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