Gesundheit : Positionen: Die Bildungslücke - ein Kommentar von Gerd Harms

Gerd Harms

Lange schien es, als wären Lehrerinnen und Lehrer die Problemgruppe im deutschen Beschäftigungssystem schlechthin: Arbeitslosigkeit im Westen, Überhänge im Osten, diskriminiert als "faule Säcke" und aufgefordert zur Lösung aller Probleme der Gesellschaft. Plötzlich jedoch wandelt sich das Bild. Die Lehrerlücke erscheint am Horizont, zumindest am westlichen. Steigende Schülerzahlen und starke Pensionierungsjahrgänge reißen Lücken, die mit den Absolventen der Universitäten nicht mehr zu schließen sein werden. Die Prügelknaben und -mädchen der Nation sind im Begriff zum begehrten Gut zu werden.

Ganz anders die Situation im Osten. Nach der Wende sanken die Geburtenzahlen dramatisch auf weniger als die Hälfte der Vorwendezeit. Die Nachwendehoffnung auf schnelle Erholung erwies sich als trügerisch. Das Bildungswesen erlebt diese Veränderung als existenzielle Krise. Schließungen von Schulen, die zum Teil auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurückblicken, sind ein Symptom. Ein anderes ist der dramatische Rückgang des Lehrerbedarfs, der eine solidarische Teilung der Arbeit erzwingt, um Kündigungen abzuwenden. Für die Leistungsfähigkeit der Schule viel gravierender ist aber die Verunsicherung der Lehrenden. Lehrerinnen und Lehrer brauchen für ihre Arbeit ein hohes Maß an Qualifikation und Motivation. Der Osten ist in Gefahr, beides aufs Spiel zu setzen. Teilzeitarbeitsverhältnisse zwischen 60 und 80 Prozent der Vollbeschäftigung für mehr als 10 Jahre machen den Lehrerberuf unattraktiv. Der Osten Deutschlands befindet sich in einer einigungsbedingten Sondersituation, die besonderes Gegensteuern erfordert. Sonst droht neben der Infrastrukturlücke die Bildungslücke.

Welche Möglichkeiten bestehen, dieser Entwicklung zu begegnen? Der öffentliche Sektor braucht eine klare Perspektive für die Angleichung der Bezüge in Ost und West. Ein solcher Stufenplan muss das Ergebnis der nächsten Tarifrunde sein. Dass dieser Prozess im Zusammenhang mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im Osten steht, ist auch den Lehrern klar. Perspektive für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet aber auch vertretbare Beschäftigungsverhältnisse - und das kann nicht die 60 Prozent-Teilzeit sein. Perspektive bedeutet die absehbare Rückkehr zur Vollbeschäftigung für alle, die dies wollen. 15 Jahre ist dafür ein zu langer Zeitraum. Perspektive bedeutet Einstellungsbedingungen, die junge Lehrerinnen und Lehrer zur Arbeit in den Schulen im Osten motivieren - ihnen muss bald die Vollbeschäftigung angeboten werden. Da es unrealistisch ist, einfach mehr Geld für die Schulen zu fordern, brauchen wir eine Vielzahl intelligenter Ansätze, um den Personalüberhang abzubauen. Ich bin überzeugt, viele ältere Lehrerinnen und Lehrer sind bereit, früher aus dem Dienst zu gehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Was wir brauchen, sind attraktive Lösungen für die Felder der Altersteilzeit und der Abfindungen. Ersteres ist mit dem Altersteilzeitgesetz gut geregelt, die Länder haben Gestaltungsmöglichkeiten. Bei den Abfindungen muss der Bund für zeitlich befristete Ausnahmen von den steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Regelungen sorgen. Das Land Sachsen-Anhalt wird Vorschläge hierfür vorlegen. Von den alten Ländern erwarten wir bei Bedarf auch Angebote an Lehrerinnen und Lehrer über 40 Jahren.

Den qualitativen Herausforderungen an die Schule der Gegenwart können wir nur mit motivierten, gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern begegnen. Voraussetzung dafür sind regelmäßige Einstellungen, Weiterbildungsangebote, Weiterbildungsbereitschaft und Kollegien, die sich engagiert den Aufgaben stellen. Politik und Gewerkschaften stehen vor einer großen Aufgabe; der Osten kann eine Bildungslücke nicht verkraften.

Gerd Harms ist Kultusminister in Sachsen-Anhalt, vorher war er Staatssekretär für Schule in Brandenburg. Am heutigen Mittwoch beraten die Schulminister der ostdeutschen Länder in Potsdam über sinkende Schülerzahlen und Lehrerversorgung.

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