Gesundheit : Positionen: Die FU darf nicht amputiert werden

Monika Grütters

Investition in Wissen bringt die höchsten Zinsen. Kein Geringerer als Benjamin Franklin, der amerikanische Namensgeber des Steglitzer Universitätsklinikums, hat bereits im 18. Jahrhundert diese Mahnung all denen ins Stammbuch geschrieben, die versucht waren, Bildung und Wissenschaft in ihrer politischen Verantwortung zu vernachlässigen. Entgegen allen wahlkämpferischen Beteuerungen beschreitet die neue Berliner Regierung einen offensiv wissenschaftsfeindlichen Weg mit dem wohl umstrittensten Beschluss ihrer Koalitionsvereinbarung, das Klinikum zum Regionalkrankenhaus herunterzustufen. Die Statusabsenkung des Uniklinikums soll zu Einsparungen beim Forschungszuschuss von jährlich 99 Millionen Euro führen. Die Gegenrechnungen sind bekannt: Es müssen Bundesmittel für den Hochschulbau in beträchtlicher Höhe zurückgezahlt werden; alle künftigen Investitionen müsste das Land Berlin allein tragen; über 6000 Stellen wären gefährdet; das Personal ist aber gar nicht kurzfristig kündbar; eine Vernetzung mit exzellenten Forschungsinstituten würde gekappt; Drittmittel in mehrstelliger Millionenhöhe, die mehrere tausend Arbeitsplätze schaffen, würden geopfert. Besonders gravierend: Die Freie Universität würde ihren Status als Volluniversität verlieren.

Die Medizinerausbildung macht im Wettbewerb zweier Standorte wesentlich mehr Sinn als künftig an einem. Man brüskiert Amerika, ebenso die Berliner, und die deutsche Nachkriegsgeschichte wird mit Füßen getreten. Die gerade verlängerten Hochschulverträge wurden ohnehin nur mit einem Opfer aus der Medizin von 73 Millionen Euro von den Universitäten erpresst. Der jetzige Vorstoß gegen das Klinikum ist nicht nur ein Bruch dieser Verträge, sondern auch ein Bruch jeglichen Vertrauens in die Politik. Wer wie Klaus Wowereit so zynisch mit den wertvollsten Einrichtungen dieser Stadt und der Geschichte Berlins umgeht, setzt sich nicht nur dem Vorwurf aus, statt der Einheit zu dienen, Berlin tiefer denn je zu spalten. Bis heute ist der Regierende uns allen eine Begründung dafür schuldig geblieben, warum künftig nur noch die Humboldt-Universität die Mediziner ausbilden soll, bis heute sagt er nicht, warum er der FU ihren Status verringern möchte, bis heute sind die 73 Millionen Einsparungen nicht begründet, und die Klinikumskosten werden im erbitterten Streit aller Fraktionen nur polemisch behauptet, nicht aber objektiv begründet.

Ohne ein Expertenvotum ist dies auch nicht machbar - und bisher haben alle Experten - vom Wissenschaftsrat über einzelne Institute bis hin zum Stifterverband sich eindeutig gegen die Idee der Schließung des Uniklinikums geäußert. Senatsmitglieder fallen durch unbedachte oder ungeheuerliche Kommentare auf: Gysi meint, es sei wegen der Finanznot ohnehin absehbar, dass heute erstklassige Universitäten in wenigen Jahren mittelmäßig würden. Deswegen solle man sie lieber heute schon schließen. Strieder soll - so die Auskunft Betroffener - Mitarbeiter des Klinikums, die im weißen Kittel seine Veranstaltung störten, eine "Karnevalstruppe" genannt und mit sofortiger Abwicklung gedroht haben.

Da bleibt eben doch der Verdacht, der SPD gehe es ums Ganze - um die FU. Schon 1995 und 1999 mussten bei den Verhandlungen mit der CDU die Angriffe auf die Zahnklinik und auf die Investitionen ins Steglitzer Haus abgewehrt werden - jetzt hat die SPD den Partner gefunden, der die existentielle Infragestellung der FU mitmacht. Die CDU hat mit den Hochschulverträgen und der Idee einer Stiftungsuni gezeigt, daß man auch kreativ mit dem Mangel umgehen kann. Dann müsste aber auch die SPD manche Denkverbote aufgeben: Sie müsste über Einnahmeverbesserungen nachdenken, zu denen Gebühren für Langzeitstudenten gehören könnten.

Noch kann Wowereit mit Hilfe der Expertenkommission umschwenken - das hätte mehr Größe als ein verbissenes Festhalten an Fehlentscheidungen.

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