Gesundheit : Positionen: Quo vadis universitas?

Hans Merkens

Christoph Stölzl, der Senator für Wissenschaft und Kultur, ist ein kluger und gebildeter Mann, der es versteht, Zuhörern diesen Eindruck permanent zu vermitteln. Auf diese Weise entstehen Reden der schönen Worte, bei denen man leicht vergessen kann, dass es auch eine Sache gibt, um die es geht. Bei seinem Auftritt am 5. Februar an der FU sprach er über das Thema "Hochschulpolitik in Berlin - Zweck, Ziele und Zwänge?". Offensichtlich bereitet ihm die Bestimmung von Zielen keine Schwierigkeiten. Der Katalog ist umfangreich. Wissenschaft und Kultur sollten beide gleichberechtigt gefördert werden, Lehre und Forschung sind ebenfalls von gleichrangiger Bedeutung, der Ausbau der Studienplätze an den Fachhochschulen wird gleichzeitig erwähnt mit der Erhaltung der Studienplätze an Universitäten. 85 000 Studienplätze sollen gesichert und parallel dazu die Internationalisierung der Universitäten vorangetrieben werden.

Sobald nachgefragt wurde, wie die Aufgaben bewältigt werden können, wenn bereits im nächsten Haushalt für die Hochschulen ein Mehrbetrag von über 80 Millionen DM zur Verfügung gestellt werden müsste, nur um den Status Quo zu erhalten, dann fallen die Antworten sybillinisch aus. Stölzl verweist darauf, dass solche zusätzlichen Summen zu groß seien, um auf dem üblichen Wege des Verschiebens von Titeln zwischen Ressorts oder innerhalb eines Ressorts beschafft werden zu können. In diesem Falle seien grundsätzliche Entscheidungen des Berliner Senats erforderlich. Wer unter den Zuhörern hätte das nicht geahnt.

Wenn nach der Zukunft der Medizin in Berlin gefragt wurde, fiel die Antwort ähnlich unbefriedigend aus. Stölzl verwies darauf, dass der Regierende Bürgermeister, der als vorsichtiger Politiker schon so lange in dieser Position sei, sich etwas dabei gedacht haben müsse, eine Bestandsgarantie für das Klinikum Benjamin-Franklin zu geben. Gleichzeitig gab Stölzl keine Antwort auf die Frage, wie es geschehen konnte, dass Zusagen zur Sanierung der Charité nicht eingehalten worden seien. Er beantwortete auch nicht die Frage, ob die Freie Universität ohne die Medizin überhaupt vorstellbar wäre. Genau genommen erzählte der Senator, dass alles schwierig sei, und dass alles gleich bleiben werde, wenn sich nichts verändere.

Im Detail hatte der Senator Widersprüchliches zu berichten. Für die Hochschulen wurde das Ziel der Internationalisierung sehr hoch gehängt. Dabei gab es einen Exkurs über die erste Erwähnung des Wortes "Deutsch" im 9. Jahrhundert. Das geschah in England und damit sei Deutsch, wie der Senator anfügte, eigentlich der Vorläufer des Englischen. Von da ließ sich unschwer übergehen zu der Aussage, dass Englisch die Lingua Franca sei und die Präsenz von Englisch an den Hochschulen noch zunehmen müsse. Wer hätte nicht von der gemeinsamen Wurzel des Englischen und Deutschen gewusst?

Bedeutsam war, dass der Senator einen Zusammenhang zwischen Internationalisierung der Hochschule und der Erhaltung bzw. Steigerung der Qualität in Lehre und Forschung nicht in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt hat. Das forderte eine Frage von Professor Kurt Kutzler, des ersten Vizepräsidenten der TU, heraus: Er forderte einen zusätzlichen Bedarf an Geldern für die Neuberufungen der nächsten Jahre ein. Da wusste Stölzl nur zu antworten, dass dies angesichts der Haushaltslage praktisch nicht möglich sei. So entpuppte sich die Forderung der Internationalisierung als eher leere Metapher. Angekündigt wurde demgegenüber im Rahmen der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen ein Wettbewerb um die Kürze der Studienzeiten. Nun ist es sicherlich richtig, dass in Berlin die Studienzeiten häufig zu lang sind. Dass aber die Qualität im Sinne von Internationalisierung der Studiengänge allein von der Geschwindigkeit des Studierens abhängen soll, war dann doch eine Überraschung.

Eingeleitet hatte der Senator seine etwas längliche Rede mit einem Räsonnement über das Verhältnis von Kultur und Wissenschaft in seinem Ressort. Damit wollte er der Kritik der Universitätspräsidenten gegen die Umverteilung der letzten Jahre zu Gunsten der Kultur begegnen. Aber auch in diesem Teil war der Symbolgehalt der Rede hoch, der Aussagewert gering. Fasst man die Rede zusammen, so lässt sich feststellen, dass viel über Zwänge geredet wurde, wenig über Zwecke und einiges über Ziele.

Auffallend war allerdings, dass es der Senator ängstlich vermieden hat, irgendwelche Prioritäten zu setzen. Wenn die Finanzmittel doch zurückgehen sollten oder in den kommenden Hochschulverträgen nicht in dem Maße erhöht werden, wie das erforderlich ist, was wird dann aus dem Ziel, 85 000 Studienplätze zu erhalten? Oder ist das Ziel der Internationalisierung wichtiger? Wenn in der Schwierigkeit, Kunst und Wissenschaft gleich zu fördern, doch eine Entscheidung für die eine oder andere Seite gefällt werden muss - und sei es auch nur, wenn ein Betrag von 15 Millionen DM verschoben werden muss - zu welcher Seite soll sich die Waagschale neigen? Wenn der Finanzbedarf zu hoch ist, um Teile der Lehre über Multimedia anzubieten, woher sollen die Mittel kommen? Die so gern zitierten amerikanischen Spitzenuniversitäten stellen für diesen Zweck etwa 100 Millionen Dollar ein, um nur einmal die Größenordnung zu skizzieren, um die es hier geht.

Die Liste der Fragen, auf die man gern Antworten gehabt hätte, lässt sich fortsetzen. Dem Senator ist zu wünschen, dass er zukünftig in Gesprächen mit den Hochschulen mehr Antworten auf offene Fragen gibt. Diese Antworten werden im Einzelfall für viele in den Hochschulen sicherlich unbefriedigend sein, aber man kann dann wenigstens den Eindruck gewinnen, dass der Senator in einem schwierigen Geschäft eine Richtung aufzuzeigen versucht, in die er denkt und politisch führen will.

Der Autor hat die Konzeption für die Neuordnung der Freien Universität nach den Sparauflagen der Politiker entwickelt. Er ist Professor für Erziehungswissenschaften.

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