Gesundheit : Positionen: Verführung zur pädagogischen Trägheit

Hartmut Holzapfel

Das ahnten wir schon: Nach Timss schneiden auch bei Pisa deutsche Schulen wieder schlecht ab, weil es im internationalen Vergleich nicht ums Repetieren, sondern um selbstständige Anwendung geht. Das ist desaströs, wenn man bedenkt, dass das Leben überwiegend aus Fragen besteht, die in der Schule noch nicht vorgekommen sind. Pisa schaut aber noch genauer hin: Mittelmaß in der Spitze, miserable Werte im unteren Leistungsbereich, und bei all dem eine extreme Abhängigkeit der Ergebnisse von der sozialen Herkunft.

Das widerspricht allem, was wir bisher zur Begründung der deutschen Schulorga-nisation gehört haben. Dass wir früher als alle Industrienationen in Bildungsgänge sortieren, wurde uns ja immer damit erklärt, dass dadurch die optimale "Passung" erreicht werde, und benachteiligt werde wegen der Durchlässigkeit auch niemand. Nun wissen wir: Beides ist falsch.

Jedes Schulsystem muss eine Balance finden zwischen dem, was ein Kind vermag, und dem, was die Schule beeinflussen kann. Nirgendwo in der Welt ist man jedoch so einseitig fixiert auf die "Eignung" wie in Deutschland: Über sie haben wir schon nach vier Jahren angeblich letzte Gewissheit. Unsere Schulen hängen Kindern ein Schild um, bevor sie genauer hinsehen konnten.

Das ist nichts anderes als eine Verführung zur pädagogischen Trägheit. In Deutschland müssen Kinder für die Schule, nicht die Schule für die Kinder geeignet sein. Wo die "Eignung" entscheidend ist, muss nur noch richtig sortiert werden. Schulen werden hier dadurch "besser", dass man die "falschen" Schüler los wird. So verbessert man den Durchschnittswert einer Schule, nicht jedoch die Qualität des Bildungswesens. Wo man so denkt, beißen den Letzten die Hunde: So sind die Ergebnisse. Wen die Frage der sozialen Gerechtigkeit nicht bedrückt, möge wenigstens bedenken, welches volkswirtschaftliche Potenzial da vergeudet wird.

Trägheit fördern wir aber nicht nur durch die Schulorganisation, sondern auch durch die Schulverfassung. Wir organisieren unsere Schulen nach dem Vorbild der Zentralverwaltungswirtschaft - auch hier spielen Kunden bei der Definition des Angebots keine Rolle, auch hier finden wir einerseits ein Übermaß an Regeln, andererseits eine weitgehend unwirksame Kontrolle. In solchen Systemen trägt niemand Verantwortung für die Folgen seines Handelns. Kein Berufsstand hat eine solche Manie gegen Außenkontrolle entwickelt wie die Lehrer.

Die deutsche Schule ist daher autistisch. Das erklärt, weshalb unsere Schüler so schlecht abschneiden, wenn es um anwendungsbezogene Fragestellungen geht. Die Praxis dient an deutschen Schulen allenfalls der Illustration der Theorie, weil die Schule von der Fachsystematik her gedacht wird. Pisa fragt aber danach, ob wirklich für das Leben, und nicht nur für die Schule gelernt wird. Wo die Schule das Leben nicht hereinlässt, können aber auch die Lehrer nicht wissen, wie man für das Leben lernen kann.

Die Länder, die bessere Ergebnisse haben, haben ein offenes Verhältnis ihrer Schulen zum Umfeld und dessen Anforderungen. Sie lassen den Schulen mehr Freiheit als in Deutschland, verlangen dafür aber Rechenschaft über die Ergebnisse durch effektive Verfahren der Qualitätskontrolle. Aus Pisa folgt nicht, dass der eine oder der andere pädagogische Weg der Königspfad ist. Aber aus Pisa folgt, dass diejenigen Länder bessere Ergebnisse haben, die ihren Schulen Freiheit bei der Wahl des Weges lassen, aber zugleich Erfahrungsaustausch und Außenbewertung organisieren. Dort wird nicht die Klassentür zugemacht, sondern geöffnet für die bessere Praxis.

Wenn wir hier nicht zu Veränderungen bereit sind, werden alle bald wieder so wegtauchen, wie sie nach Timss weggetaucht sind: warten, bis die Aufregung vorbei ist, und dann weitermachen wie bisher. In Hessen sind jetzt Lehrpläne vorgelegt worden, die so tun, als hätte es Timss nie gegeben. Fragt sich nur, wie oft das noch gut geht.

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