Gesundheit : Positionen: Wird die FU in die Drittklassigkeit verwiesen?

Rolf Kreibich

Auf den ersten Blick könnte die im rot-roten Koalitionsvertrag vorgesehene Liquidation der Medizin an der Freien Universität und die Degradierung des Universitätsklinikums in Steglitz noch plausibel und mutig erscheinen: 95 Millionen Euro Einsparungen auf einen Streich bei der katastrophalen Haushaltslage Berlins, das ist doch etwas.

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Aber schon der zweite Blick auf tiefere Zusammenhänge und längerfristige Folgen offenbart nicht nur die wirtschaftliche Unsinnigkeit, sondern vor allem auch die wissenschaftspolitische Dummheit und gesellschaftlich-historische Unverantwortlichkeit dieses Vorhabens. Das Universitätsklinikum Benjamin Franklin mit 5000 Beschäftigten und die Medizinfakultät der FU mit 4200 Studenten bilden eine hoch funktionale Einheit von Lehre, Forschung und Krankenversorgung, die Jahrzehnte benötigt, um die erreichte Leistungsfähigkeit und international anerkannte Qualität zu erreichen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet vor, dass die Herauslösung der FUMedizin aus dem regionalen Wirtschaftskreislauf katastrophale Folgen im Hinblick auf Anträge, Investitionen, Dienstleistungen, Gehaltszahlungen etc. hätte. Das DIW schätzt, dass mindestens 220 Millionen Euro jährlich der Wirtschaftsleistung Berlins entzogen würden, während die Einsparungen langfristig bestenfalls 20 bis 25 Millionen Euro ergäben. Wann endlich kapieren die verantwortlichen Politiker, dass man bei Einsparvorschlägen das Umfeld und die Folgekosten mit einbeziehen muss? Die Herauslösung einer hoch funktionsfähigen Dienstleistungseinrichtung aus dem Wirtschafts- und Sozialkörper Berlins ist eben mit gravierenden Kosten verbunden.

Nun soll nicht gesagt werden, dass es keinerlei Einsparmöglichkeiten in der Universitätsmedizin in Berlin gäbe. Im Gegenteil. Hierfür ist aber eine ganz andere Strategie erforderlich: Die gesamte Unimedizin muss einer vorurteilslosen Analyse der Schwächen und Stärken unterzogen werden, natürlich von einer unabhängigen Sachverständigen-Kommission. Die Ergebnisse erbringen mit Sicherheit zahlreiche Schwachstellen, verschiedene wurden auch schon in der Öffentlichkeit genannt. Es bedarf allerdings sowohl auf der Seite der Politik wie bei den Universitäten viel mehr Mut, solche Teiloperationen zu exekutieren, anstatt eine Institution in Gänze zu schließen. Die Sündenfälle der Liquidierung des Krankenhauses Moabit und die Schließung des SchillerTheaters sollten hier auch zu denken geben.

Bei der Beurteilung der FU-Medizin dürfen aber nicht nur die vordergründigen ökonomisch-finanziellen Fragen eine Rolle spielen. Die Freie Universität und ihre Medizin ist in internationale Forschungs- und Ausbildungsnetzwerke eingebunden, pflegt nationale und internationale Austauschbeziehungen auch im Bereich der Krankenversorgung. Diese beruhen auf jahrelangen, zum Teil mühsam aufgebauten Kooperationen in Wissenschaft und Krankenversorgung. Solche Netzwerke und Kontakte sind ein riesiges Kapital, das sich gar nicht in monetären Größen ausdrücken lässt. In diesem Zusammenhang müssen auch die langfristigen Verpflichtungen aus nationalen und internationalen Verträgen, wissenschaftlichen Veranstaltungen und Dienstleistungsvereinbarungen genannt werden.

Wie verträgt sich vor diesem Hintergrund das Liquidationsvorhaben der FU-Medizin mit den hehren Vorsätzen in der Präambel der Koalitionsvereinbarung von SPD und PDS? Dort heißt es: "Die Koalition stellt sich der Aufgabe, trotz der dramatischen finanziellen Lage die notwendigen Ausgaben aufzubringen, um Bildung und Wissen für die Zukunft Berlins und der Berlinerinnen und Berliner zu sichern... Eine qualifizierte Schul-, Aus- und Fortbildung sowie eine innovative Wissenschaft und Forschung sind die Voraussetzungen für individuellen Wohlstand und die Attraktivität des Standortes." Somit ist auch aus Sicht der Koalitionäre die Lehre ein besonders wichtiger Faktor, die gerade an der FU eng mit der Forschung und Krankenversorgung gekoppelt ist. Es sind insbesondere die hervorragenden wissenschaftlichen Einrichtungen am FU-Klinikum mit internationalem Renomee, die dem wissenschaftlichen Nachwuchs ein exzellentes Kompetenzzentrum bieten.

Die Verlagerung der Ausbildung der Studenten an die Humboldt-Universität würde natürlich auch keinerlei Einsparungen erbringen. Im Gegenteil, derzeit kostet ein Medizinstudienplatz an der Freien Universität 350 000 Mark, im Bundesdurchschnitt 400 000 Mark und an der Humboldt-Universität 550 000 Mark (Die Euro-Berechnungen liegen noch nicht vor).

Das Fazit einer Liquidation der FU-Medizin fällt katastrophal aus: Es wird keine Einsparungen geben, sondern riesige wirtschaftlich-finanzielle Defizite für Berlin. Der Wegfall eines exzellenten Kompetenzzentrums der medizinischen Ausbildung, Forschung und Krankenversorgung bedeutet einen massiven Verlust auf den wichtigsten Innovationsbereichen des Landes: Bildung, Forschung und wissenschaftliche Dienstleistungen. Mit dem FU-Klinikum, das mit Hilfe der Amerikaner in den sechziger Jahren errichtet wurde, würde ein manifestes Symbol der Freiheit und demokratischen Strukturen geschleift. Das darf die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und Berlins nicht mitmachen. Die Liquidation der FUMedizin würde die gesamte FU in den Rang einer drittklassigen Universität befördern. Langfristig käme das angesichts der zu erwartenden Zerbröselung anderer Wissenschaftsbereiche, insbesondere solcher, die mit der Medizin kooperieren, einem Todesstoß gleich. Die Bürger Berlins werden sich das nicht gefallen lassen.

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