Gesundheit : Positionen: Zur Politikberatung ein Forum der Wissenschaft

Hans Joachim Meyer

Den einen sind sie die letzten noch nicht geschleiften Denkmale wahrer Gelehrsamkeit, den anderen skurrile Fossilien aus einer vergangenen Zeit - die deutschen Akademien der Wissenschaften. Als sie gegründet wurden, sollten sie Forschungsergebnisse erörtern und zu neuen Forschungsleistungen anregen. Betrachtet man den eigentlichen Zweck der Akademien, so ist dieser bis heute aktuell. Denn dieser Zweck besteht in der wissenschaftlichen Kommunikation über die Grenzen der engen Fachgebiete hinweg.

Interdisziplinarität und Transdisziplinarität sind in unserer Zeit mehr denn je Motor des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Überdies können Akademien die Wissenschaften insgesamt repräsentieren und ein öffentlicher Ort für ihren Diskurs sein. Auch diese Aufgabe ist in unserer Zeit, die sich im Übergang zu einer Wissens- und Bildungsgesellschaft befindet, eine dringende Notwendigkeit. Und schließlich ist die Struktur von Akademien sehr viel einfacher als die von Universitäten und damit - jedenfalls im Prinzip - flexibel und reformierbar.

Bei der jüngsten Akademietagung in München kam wieder einmal zutage: Warum denken in Deutschland nur wenige, wenn über Aufgaben und Perspektiven der Wissenschaft gesprochen wird, an die Akademien? Dafür gibt es drei Gründe. Erstens ließen sie zu oder beförderten sogar, dass die Naturwissenschaften just zu dem Zeitpunkt neben den Akademien eigene Forschungsorganisationen erhielten, als disziplin- und universitätsübergreifende Großprojekte das Gesicht der modernen Wissenschaft zu bestimmen begannen. Die geisteswissenschaftlichen Langzeitprojekte, die in den Akademien zurückblieben, sind aller Ehren wert, aber sie stellen nicht die Grundlagenforschung in den Philologien und der Geschichtswissenschaft dar, sondern sind deren wertvolle und notwendige Voraussetzung. Im Mittelpunkt der heutigen Geisteswissenschaften stehen sie jedenfalls nicht.

Deshalb sind die Akademien zweitens heute eher Ehrenhallen für verdiente Gelehrte als Orte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, was durch das Prinzip der Kooptation verstärkt wird. Schließlich sind sie drittens - mit Ausnahme der Leopoldina, die als Reichsakademie gegründet wurde - aus geschichtlichen Gründen Einrichtungen, die von den deutschen Ländern unterhalten werden. Daher werden sie oft als Ausdruck des Kulturföderalismus empfunden.

Der erste Grund ist ein geschichtlicher Irrtum, der kaum noch korrigiert werden kann. Dem zweiten Grund wäre durch Zuwahlrechte der Universitäten und durch ein neues Rollenverständnis abzuhelfen. Der dritte Grund beruht auf einer Mischung aus Missverständnis, Zaghaftigkeit und Bequemlichkeit bei den Ländern. Denn es ist völlig abwegig, nationale Einrichtungen gleich mit Bundeseinrichtungen gleichzusetzen. Auf Gebieten, die den Ländern allein oder gemeinschaftlich mit dem Bund zukommen, wie Kultur und Wissenschaft, kann eine nationale Einrichtung nur gemeinsam von Bund und Ländern getragen werden, wie das beim Nationalkomitee für Denkmalschutz schon praktiziert wird. Versagen sich die Länder einer national bedeutsamen Aufgabe, so wird das Vakuum allerdings über kurz oder lang vom Bund allein gefüllt.

Ist aber im Fall der Wissenschaft, was möglich wäre, auch sinnvoll? Auf diese Frage kann es nur ein nachdrückliches Ja geben. Denn die deutsche Wissenschaft hat jetzt weder einen gemeinsamen Ort, an dem sie ihr Selbstverständnis formuliert, noch hat sie ein Forum des Dialogs und der Kommunikation mit der Öffentlichkeit und mit der Politik. Und sie hat keine Repräsentanz im internationalen Leben. Es wäre gut, wenn für diese drei Aufgaben eine nationale Einrichtung durch eine Initiative aus der Wissenschaft und im Zusammenwirken mit der Politik geschaffen würde. Freilich müssten der Bundeskanzler und die Ministerpräsidenten gemeinsam der Wissenschaft als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Auch wäre es realitätsfern zu meinen, die Akademien könnten heute allein eine solche nationale Repräsentation bilden. Dennoch könnten sie unter Führung der Leopoldina als der ältesten und angesehensten unter ihnen dafür den ersten Schritt tun und so noch einmal Wissenschaftsgeschichte schreiben.

Unverzichtbare und sehr viel wichtigere Partner in dieser Unternehmung wären die Deutsche Forschungsgemeinschaft als Repräsentantin der Wissenschaft an den deutschen Hochschulen und die außeruniversitären Wissenschaftsorganisationen, also die Max-Planck-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft und die Leibniz-Gemeinschaft. Alle diese Partner sollten unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten durch Wahlen ein gesamtdeutsches Wissenschaftsforum bilden, das sich Nationaler Konvent der Wissenschaften oder - mit Rücksicht auf die älteren Schwestern - Nationaler Konvent der Deutschen Akademien der Wissenschaften nennen könnte. Dadurch würde nicht nur ein zentraler Ort für den öffentlichen Dialog in der Wissenschaft und mit der Gesellschaft begründet, sondern, ähnlich wie bei den US National Academies, zugleich die Basis für einen Nationalen Forschungsrat als kleine und handlungsstarke Struktur geschaffen. Dessen wichtigste Aufgabe wäre es, Gesprächspartner und Berater der Politik in den Regierungen und Parlamenten des Bundes und der Länder zu sein. Allerdings wäre dafür eine hochrangige Repräsentanz von Politik und Wissenschaft die wichtigste Bedingung. Aber wären sich dies nicht beide Seiten im Blick auf unsere Zukunft schuldig?

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